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Maja Haderlap über "Nachtfrauen"

Autorin im Gespräch

Maja Haderlap über "Nachtfrauen"

Stand: 20.10.2023, 12:33 Uhr

Nichts prägt Frauen stärker als ihre Beziehung zu ihrer Mutter, und selten ist diese Liebe frei von Konflikten. In ihrem neuen Roman erzählt Maja Haderlap in poetisch-dunklen Bildern von Müttern und Töchtern, Kindheitstraumata und einer schwierigen Spurensuche in der slowenischen Grenzregion.

Es ist für Mira eine Reise in ihre Vergangenheit, in eine Zeit in ihrem Leben, an die nur ungern zurückdenkt. Vor vielen Jahren hat sie Jaundorf verlassen, ist zum Studium nach Wien gezogen und dort geblieben. Doch jetzt braucht ihre Mutter Anni Hilfe und eine neue Bleibe, denn das Haus, in dem sie viele Jahrzehnte gelebt hat, soll umgebaut werden. Also fährt Mira in das Haus ihrer Kindheit zurück - einer Kindheit, die vor allem von zwei Gefühlen geprägt war: Schuld und Scham.

Wie schon in ihrem Roman "Engel des Vergessens" spürt die in Kärnten lebende Slowenierin Maja Haderlap mit diesem Roman über zwei Frauengenerationen und ihre weit zurückreichende Familiengeschichte, zugleich auch den historisch geprägten Konfliktlagen in der Grenzregion zwischen Österreich und Slowenien nach:

Buchcover: "Nachtfrauen" von Maja Haderlap

Buchcover: "Nachtfrauen" von Maja Haderlap

Von den Gräueln der Nazis, der Minderheitenrolle der sogenannten "Sloweniendeutschen" und den Versuchen, die slowenische Kultur zu bewahren - bis zu den Ressentiments und Empfindlichkeiten, die sich in den Biografien der Menschen festgeschrieben haben und die auch nach Aufnahme Sloweniens in die EU nicht verschwunden sind.

So fühlt sich auch ihre Protagonistin schon als Kind nirgendwo zugehörig. Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, ist sie auf dem Gymnasium Außenseiterin. Sexuellen Übergriffen sieht sie sich schutzlos ausgesetzt. Doch am schwersten lastet ein Trauma ihrer frühen Kindheit auf ihr: Der Tod ihres Vaters, ein Holzfäller, der durch einen umstürzenden Baum stirbt, als Mira ihn im Wald aufsucht.

Jahrzehntelang gibt sie sich selbst für den Unfall die Schuld und muss nun erfahren: Auch ihre Mutter hat sie für den Tod des Vaters verantwortlich gemacht. Vor 12 Jahren hat Maja Haderlap mit einem Auszug aus ihrem Romandebüt "Engel des Vergessens" den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen und für eine neue literarische Wahrnehmung Sloweniens und der slowenischen Minderheit in Österreich gesorgt.

Mit ihrem lange erwarteten neuen Roman, der für den österreichischen Buchpreis nominiert ist, setzt sie diesen Diskurs fort. Eine poetisch-dunkle Erzählung über eine schwierige Mutter-Tochter-Liebe, voller Missverständnisse, Schweigen und Schmerz. Und über den niemals auflösbaren emotionalen Widerspruch in unserer Beziehung zur Heimat. Sie gibt uns Halt - und droht doch immer, uns am Wachstum zu hindern.

Eine Rezension von Nicole Strecker

Literaturangaben:
Maja Haderlap: Nachtfrauen
Suhrkamp Verlag, 2023
294 Seiten, 24 Euro