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Buchcover: "Besetzte Stadt" von Paul van Ostaijen

Aktuelle Lyrik

"Besetzte Stadt" von Paul van Ostaijen

Stand: 22.03.2024, 14:28 Uhr

Dekonstruktion der Lyrik als sprachlicher Ausdruck. Vor mehr als hundert Jahren schrieb Paul van Ostaijen "Besetzte Stadt", jetzt zu haben in deutscher Übersetzung, anlässlich des Gastlandauftritts Niederlande & Flandern auf der Leipziger Buchmesse.

Nach der vierjährigen Besetzung von Antwerpen durch deutsche Truppen im 1. Weltkrieg schuf Paul van Ostaijen mit "Besetzte Stadt" ein Werk, das in seiner dekonstruierten Lyrik-Sprache die fundamentalen Verheerungen des Krieges spiegeln sollte. Der 1896 in Antwerpen geborene Dichter Paul van Ostaijen war der Ansicht, dass nur eine Sprache angemessen sein konnte, die die gängigen inhaltlichen und formalen Auffassungen von Literatur radikal in Frage stellt, um den Schrecken des Krieges 1914-1918 irgendwie in Worte zu fassen.

Die Ausgabe in der kongenialen Übersetzung von Anna Eble folgt der typografischen Erstgestalt des Originals. Für die Niederschrift seiner Dichtung benutzte der flämische Dichter diverse Schriftgrößen und -Typen, unorthodoxe Absätze und Einschübe, Überschreibungen sowie formale Kreuz- und Querverweise. So sind diese Gedichte nicht da, um nur gelesen zu werden, es ist das ganze Bild in seiner komplexen Gestalt zu erfassen.

Paul van Ostaijen schrieb "Besetzte Stadt" im Sommer 1920 in Berlin. Ausgehender Expressionismus, DADA und surrealistische Anfänge bestimmen die literarischen Strömungen, Film und Hörfunk etablieren sich als Massenmedien. Vieles davon prägte das Werk des früh verstorbenen (1928) Dichters, der mit seiner Art des "Stream of Consciousness" direkte und assoziative Inhalte in seine Dichtung packte, um die Traumatisierung durch den Krieg adäquat darzustellen.

Da ist die Rede bzw. Schreibe von "Wundenwörtern", von "Christus voll hohler Wunden", von "in Vagina Kathedralen bauen und über den Haufen schießen" von "ein FAHLER Pfuhl am Abend PREUßISCH BLAU", von "verlassenen Festungen und das dreckige Gras TSCHAKO" und von "Niedergetretenem Stacheldraht schneidet Hände und blutet trieft Dreck mit dreckigem Regen".

Wer sich nicht vor der Avantgarde fürchtet und vor der Faszination des Grauens nicht zurückweicht, sollte sich diesen Höllenritt auf der Rasierklinge von Paul van Ostaijen nicht entgehen lassen. Dieses Buch muss man gesehen haben!

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Paul van Ostaijen: Besetzte Stadt
Aus dem Niederländischen von Anna Eble
Mit Original Holzschnitten und Zeichnungen von Oscar Jespers
Das Wunderhorn, 2024
159 Seiten, 28 Euro