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Buchcover: "Ich bin am leben" von Yirgalem Fisseha Mebrahtu

Aktuelle Lyrik - Ein Gedicht

"Jugendfreunde" aus: "Ich bin am leben" von Yirgalem Fisseha Mebrahtu

Stand: 01.08.2023, 18:23 Uhr

Yirgalem Fisseha Mebrahtu ist eine eritreische Dichterin und Menschenrechtsaktivistin. "Ich bin am leben" ist ihr erster Gedichtband, der auf Deutsch erschienen ist. Mehr als beindruckend.

Yirgalem Fisseha Mebrahtu wurde 1981 in Eritrea geboren, wo sie als Journalistin gearbeitet hat. Gleichzeitig hat sie Gedichte geschrieben, die in diversen Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden. 2009 wurde Yirgalem Fisseha Mebrahtu verhaftet und ohne Gerichtsverfahren inhaftiert. In dieser Zeit wurde sie gefoltert, bevor man sie nach sechs Jahren halbtot in ein Krankenhaus entließ. Nachdem ihr Fall international für Aufsehen gesorgt hatte, gelang ihr nach einem zweiten Gefängnisaufenthalt die Flucht nach Uganda.

Yirgalem Fisseha Mebrahtu lebt seit 2018 in München und ist nach wie vor Menschenrechts-Aktivistin, dem Regime in Eritrea, das wiederholt als "Nordkorea Afrikas" bezeichnet wurde, war es nicht gelungen Yirgalem Fisseha Mebrahtu zu brechen, trotz ihrer traumatisierenden Erfahrungen in der Haft. "Für ihren beeindruckenden Einsatz gegen undemokratische Strukturen – für Demokratie" erhält Yirgalem Fisseha Mebrahtu 2023 den Georg-Elser-Preis, der am 8. November überreicht wird. Es ist immer gut zu hören, wenn öffentliche Auszeichnungen bei den richtigen Leuten landen.

Die Gedichte in der zweisprachigen Ausgabe "Ich bin am Leben" sind weitgehend im Gefängnis entstanden oder danach. Sie sind auf Tigranya verfasst und wurden von verschiedenen Autorinnen und Autoren übersetzt und von Hans Thill nachgedichtet. Es ist Lyrik, die das Gefangensein thematisiert und die Menschenrechtsituation in Eritrea, das von der NGO Freedom House als "hermetischer Polizeistaat" bezeichnet wurde.

In dem Gedicht "Die Enge" schreibt die Dichterin aus ihrer winzigen Zelle über ihre Haftsituation, "…Ich bin am Ende mit den Nerven, ich kann nicht mehr. / Wenn der Teufel mich nehmen wollte und davontragen, / ich würde nicht fragen wohin." Wer noch nicht völlig abgestumpft ist ob des ganzen Elends auf dieser Welt, wird nicht umhinkommen, von dieser Lyrik tief berührt zu sein, die in klaren Worten formuliert ist und ohne Umschweife auf den Punkt kommt. Dass ein Mensch trotz allem, nach den entsetzlichen Erfahrungen, die Yirgalem Fisseha Mebrahtu machen musste, ein Gedicht schreibt mit dem Titel "Erhobenen Hauptes" ist dann für den Rezensenten ein Wunder: "Senke nicht den Blick, weite deine Brust, / sollte der heutige Tag verloren sein, / so wird der morgige dir gehören."

Yirgalem Fisseha Mebrahtu ist mit "Ich bin am leben" ein außergewöhnlich bedeutendes Buch gelungen, ein Fanal gegen Repression, Unfreiheit und willkürliche Staatsgewalt.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Yirgalem Fisseha Mebrahtu: Ich bin am leben. Gedichte.
Zweisprachig Tigrinya / Deutsch
Aus dem Tigrinya von Kokob Semere, Miras Walid, Mekonnen Mesghena; Nachdichtung von Hans Thill
Verlag Das Wunderhorn, 80 Seiten, 22 Euro