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Partitur von Ramon Keimig

Leftfield wachsen Beeren. Neues aus abenteuerlichen Gefilden

Simon und Tobias Lanz haben Instrumente nach dem Vorbild von Orgeln gebaut, die mikrotonale Klangbewegungen ermöglichen. Hand To Earth heben Manikay, Liederzyklen der Yolngu-Aborigines, in einen Kultur- und Genre transzendierenden Kontext.

Leftfield wachsen Beeren. Neues aus abenteuerlichen Gefilden

WDR 3 open: Multitrack 23.11.2023 56:00 Min. Verfügbar bis 22.11.2024 WDR 3 Von Ilka Geyer


Simon und Tobias Lanz präsentieren auf ihrem Album „Arches“ ein Stück, das sie für die Prototypen ihrer selbstgebauten Instrumente komponiert haben, die von klassischen Orgeln inspiriert sind. Aber die Lanz’schen Neo-Orgeln überwinden die Grenzen von traditionellen, zwölf-Ton fixierten Orgeln. Sie schreiten durch mikrotonale Felder, die man mit diesen nicht betreten kann. Zu hören ist eine ungemein reiche Klangpalette mit feinsten Nuancierungen. Und ein positiver Sideeffect: Die hörbare Mechanik der Pneumatik!

Um die Möglichkeit dieser Nuancenvielfalt im Kompositionsprozess festhalten zu können, haben Simon und Tobias Lanz mit graphischen Partituren gearbeitet. Im Booklet, das mit dem Album veröffentlicht wird, ist eine Reinterpretation einer grafischen Partitur abgebildet, die Zeichner und Illustrator Ramon Keimig kreiert hat. Sie lädt dazu ein, dem ganzen Stück oder aber einem von dessen vier Abschnitten auch visuell zu folgen.

Die Manikay der Yolngu-Aborigines gehören zu den weltweit ältesten Traditionen von Liederzyklen. Seit mehr als 40.000 Jahren transportieren sie uraltes Wissen, das das Leben der Yolngu wesentlich bestimmt. Sie sind durchzogen von Mythen, an einzelne geographische Gebiete gebunden und bestimmten sozialen Gruppen zugeordnet. Yolngu Songman Daniel Wilfred aus dem südöstlichen Arnhemland, einem Siedlungsgebiet der Aborigines im Northern Territory Australiens, trägt die Manikay zusammen mit David Wilfred in das kulturell wie musikästhetisch mehrdimensionale Klanggewebe von Hand To Earth. Traditionell werden Manikay von Clapsticks (Schlaghölzer aus der Tradition der Aborigines) und Yidaki (Didgeridoo) begleitet. Auf dem neuen Album „Mokuy“ von Hand To Earth (24. 11., Room 40) sind sie Teil eines Vielklangs, zusammen mit Sounds der koreanischen Vokalistin Sunny Kim, die zum Teil natürlichen Klangphänomenen wie Tierlauten nachempfunden sind. Elektronik spannt einen so weit wie tief ausgreifenden musikalischen Raum, den auch Trompeten-, Klarinetten- und Flötensounds von Peter Knight und Aviva Endean durchziehen und ihn wellengleich beugen. Ein tief liegender mystischer Horizont öffnet seine Arme.

Was passiert, wenn man seinem Kind ein Instrument zu Weihnachten schenkt? In nicht seltenen Fällen nehmen Soundafficionados oder -as es selbst in die Hand, um damit unerhörten Klangwegweisern zu folgen. So jedenfalls geschehen im Haushalt von Soundartist Jonathan Wilson aka. J.WLSN. Objekt des Interesses: Die 3/4 Gitarre, die ja nun eigentlich seinem Sohn gehört(e). Deswegen auch erst genutzt, als der ins Bett gegangen war.

Dann machte Wilson Aufnahmen von kleinen Motiv- und Strukturskizzen und schickte sie durch Pedal-Kaskaden an einen vier-Spur-Tape-Mixer und -Rekorder aus den 80ern. Oder anders gesagt: Retro Kirmes mit 3/4 Gitarre! Dazu mischt er Sounds aus Buchla 200 - Modulen und field recordings. Und vollständig sind die vielgestaltigen Klangabenteuer auf „Slipped“ (4.11., Room 40). Mal repetitiv, mal narrativ, mal atmosphärisch. Mal zart, mal wuchtig dröhnend.

Darüber hinaus:

„Blind Ecosystem“ vom Chor Choeur tac-til
„Nessun Legame con la Polvere“, das neue Album von Soundartist Fabio Perletta
„Form And Disintegration“ von Komponist Valerio Camporini F.

Mokuy | 2:48
Hand To Earth

Watu | 10:40
Hand To Earth

Object VII | 5:19
Choeur TacTil

Senza Titolo III | 5:31
Fabio Perletta

Fluctuations | 4:48
Valerio Camporini F.

Arches Part II | 10:39
Simon & Tobias Lanz

Outpainting | 4:34
J.WLSN

Moderation: Ilka Geyer
Redaktion: Markus Heuger