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Das künftige Ufer

Street Art in Tel Aviv.

100 JAHRE ISRAEL

Das künftige Ufer

Von Mati Shemoelof

Tel Aviv, 2048: Amir ist aus dem kriegsgeschüttelten Europa in das Land seines Vaters geflohen. Dort, in der jungen Levantinischen Union, wartet er auf Anna, die er auf der Flucht zurückgelassen hat.

Das Hörspiel steht nach der Sendung befristet zum Download zur Verfügung.

Das künftige Ufer

WDR 3 Hörspiel 13.12.2018 28:06 Min. Verfügbar bis 13.12.2019 WDR 3

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Während Europa unter rechtem Terror und Bürgerkrieg zusammenbricht, lebt der Nahe Osten im Frieden. Zehn Jahre früher hat sich dort die Levantinische Union gegründet, ein Zusammenschluss von Staaten von der arabischen Halbinsel bis zum Schwarzen Meer. Von Dubai über Basra und Jerusalem bis nach Istanbul herrscht Freizügigkeit und Demokratie. Palästinenser*innen nutzen ihr Rückkehrrecht nach Tel Aviv, Jüd*innen das ihre nach Bagdad, und Geflüchtete aus Europa die (noch) offenen Grenzen.

Die gefährliche Flucht aus Europa hat Amir schon hinter sich – doch angekommen ist er noch lange nicht. Seine Frau Anna hat er im Stich gelassen, seine israelische Geliebte Shiraz will nichts mehr von ihm wissen, ein Job ist nicht in Sicht und die Tiraden seines Cousins Moses sind ständiger Beweis dafür, dass die alten Wunden im Nahen Osten bei weitem nicht verheilt sind. Als Amir endlich ein Lebenszeichen von Anna erhält, schöpft er wieder Hoffnung.

Besetzung
Amir     Erol Afsin
MosesSammy Ounis
ShirazNagmeh Alaei
AnnaHelena Abay
Chipperstimme / LautsprecheransageEva Hetkamp
Deutscher Kanzler / Nachrichtenansage               Andreas Schröders
Instrumentalsolist (Cello)Niklas Seidl


Von Mati Shemoelof
übersetzt aus dem Englischen von Maren Kames
Regie: Elena Zieser
Dramaturgie: Jan Buck
Technische Realisation: Henning Schmitz
Redaktion: Isabel Platthaus
Produktion: WDR 2018

Ausstrahlung: 13. Dezember 2018

Foto Mati Shemoelof.

Mati Shemoelof

Mati Shemoelof, geboren in Haifa, ist Autor und Herausgeber eines vielfältigen Werks von Lyrik, Theaterstücken, Artikeln und Belletristik. Er gilt als eine der führenden Stimmen der Gemeinschaft arabischer Juden. In Israel gründete er gemeinsam mit anderen Aktivisten die Bewegung "Guerilla Culture", in Berlin, wo er seit 2013 lebt, das Format "Poetic Hafla".

SCHLAGLICHT HINTERGRUND: Eine Levantinische Union?

Die Geschichte des Staates Israel ist auch die Geschichte des Konflikts zwischen Israelis und Palästinenser*innen. Genauso alt sind auch die regionalen wie internationalen Bemühungen um eine dauerhafte friedliche Lösung. Spätestens seit der "Roadmap" des Nahost-Quartetts aus dem Jahr 2002 ist die sogenannte Zweistaatenlösung die Prämisse der internationalen Verhandlungen. Diese sieht jeweils einen unabhängigen Staat für Israelis und Palästinenser*innen vor.

Doch die realen Entwicklungen lassen eine solche Einigung immer unrealistischer erscheinen: Der fortgesetzte israelische Siedlungsbau im Westjordanland verunmöglicht ein funktionierendes zusammenhängendes palästinenisches Staatsgebiet, die andauernde Bedrohung und Nichtanerkennung des Existenzrechts Israels durch militante palästinensische Organisationen und Staaten wie Iran oder Syrien macht für Israel das Bestehen auf verteidigbare Grenzen notwendig. Dies sind nur zwei Beispiele dafür, warum die Zweistaatenlösung in weiten Teilen der israelischen Öffentlichkeit längst als tot gilt und ihre andauernde weltweite Diskussion als Anachronismus.

Aber auch die scheinbare Alternative, die Einstaatenlösung, zeigt keine praktikable Lösung auf: Entweder würden in einem gemeinsamen Staat die Juden zur Minderheit und der Gründungsgedanke Israels als einer sicheren, selbst regierten Heimstatt für die antisemitisch Verfolgten aufs Spiel gesetzt, oder das Verweigern voller Bürgerrechte für den nichtjüdischen Teil der Bevölkerung würde die Einrichtung eines Apartheidsstaats bedeuten.

Das Kreisen der Debatte um diese beiden scheinbaren Alternativen verstellt jedoch den Blick auf andere Visionen, die es durchaus seit langer Zeit gibt. So verfolgte der in diesem August verstorbene Friedensaktivist Uri Avnery schon 1949 die Idee einer israelisch-palästinensischen Staatenföderation, später erweitert zu einer Konföderation aus Israel, Palästina und Jordanien. 1982 soll der damalige PLO-Vorsitzende Jassir Arafat auch die Aufnahme Libanons in solch einen Staatenbund vorgeschlagen haben.

Karte Osmanisches Reich.

Andere Stimmen gehen noch weiter und ziehen Inspiration aus der Vergangenheit. Das bis zum Ersten Weltkrieg existierende Osmanische Reich vereinte den Nahen Osten von Istanbul bis zum Persischen Golf, vom Kaspischen Meer bis nach Nordafrika. Große Infrastrukturprojekte wie die Bagdadbahn zeugen von der Freizügigkeit in dieser Zeit.

Mit Blick auf die Europäische Union und die friedenssichernde Wirkung der europäischen Einigung werden auch im Nahen Osten vermehrt Überlegungen zu einer "Semitischen Union" oder "Nahost-Union" angestellt. Shimon Peres äußerte schon 1993 Hoffnungen auf die friedenssichernde Wirkung eines regionalen gemeinsamen Marktes. Zu den Befürwortern eines solchen Integrationsprozesses gehören die Journalist*innen Gideon Levy, Merav Michael und Khaled Diab, der libanesische Schriftsteller Farid Salman und die israelischen Autoren Sami Michael und Mati Shemoelof. Wenn Europa nach den beispiellosen Schrecken des Zweiten Weltkriegs dieses Kunststück gelang, dann scheine diese Vision auch für den Nahen Osten nicht illusorisch, so ihre einhellige Meinung.

Die israelische Flagge gemalt auf die Mauer.

100 Jahre Israel

WDR-Hörspielreihe vom 10.-13. Dezember

2018 jährt sich die Gründung des Staates Israel zum 70. Mal. Der Blick zurück zeigt Jahrzehnte der Prosperität, der Entwicklung vom Agrarland zum Hightech-Staat, aber auch des nach wie vor ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinenser*innen. Das WDR Hörspiel wirft nun einen spekulativen Blick 30 Jahre in die Zukunft - und hat dazu zwei israelisch- und zwei palästinensischstämmige Autor*innen eingeladen, die einer Generation angehören, die diese Zukunft noch erleben wird.

Die entstandenen Hörspiele sind Utopien und Dystopien, Hoffnungen auf die Zukunft und sich aus der Gegenwart nährende Befürchtungen, subjektive Schlaglichter und überzeitliche Allegorien – und sie nutzen die Freiheit der Fiktion, um über die Grenzen der heutigen politischen Debatte hinaus zu blicken.

Stand: 12.11.2018, 14:59