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29.07.2023 – Wagner, "Tannhäuser" bei den Bayreuther Festspielen

Stand: 29.07.2023, 09:30 Uhr

Wenn alles so geklungen hätte wie das Vorspiel zum 3. Aufzug und auch der ganze folgende Rest von Wagners "Tannhäuser", wäre man als Kritiker mit dem Debüt der französischen Dirigentin Nathalie Stutzmann bei den Bayreuther Festspielen glücklich geworden, und dieser 3. Aufzug sicherte ihr auch einen bis zum Enthusiasmus gehenden Beifall am Schluss. Im Vorspiel gelang es ihr nämlich, den grüblerischen Tiefsinn, den die Musik hier meint, in einem ruhigen Tempo, ohne zu schleppen, sogar mit einem Maß an Zartheit und Reflexion auszubreiten, um dann die Erregung, die sich in Abfolge niedergehender Skalen ausdrückt in einem schön aufgebauten Crescendo fluten zu lassen.

Auch den Pilgerchor und die folgenden Solopartien des 3. Aufzugs wie Elisabeths "Allmächt’ge Jungfrau", Wolframs Lied an den Abendstern und schließlich Tannhäusers Romerzählung wurden eingefasst in eine ruhige Orchestersprache, die sich nie auftrumpfend gebärdete, bei der aber jederzeit deutlich wurde, was die Musik aussagen sollte. Das war leider in den beiden ersten Aufzügen überhaupt nicht so.

Viele Ensembleszenen wirkten da noch konfus, etwa das Ende des Sängerwettstreits "Im Venusberg hat er geweilt" oder der Schluss des 1. Aufzugs "Er kehrt zurück". Diese Nummern sind für alle Dirigenten eine Herausforderung, aber zumindest sollte das Orchester präsent sein und die Solisten nicht in einem unstrukturierten Raum agieren müssen. Auch in Tannhäusers Preislied im 1. Aufzug oder in Elisabeths "Hallenarie" im 2. Aufzug hätte man sich, was Tempo und Phrasierung anbelangt, Impulse von der Dirigentin gewünscht. So aber verliefen die vielen prägnanten Nummern im orchestralen Ungefähr.

Klaus Florian Vogt (Tannhäuser) und Ekaterina Gubanova im ersten Aufzug von „Tannhäuser“

Klaus Florian Vogt (Tannhäuser) und Ekaterina Gubanova im ersten Aufzug von „Tannhäuser“

Klaus Florian Vogt gab sein Bayreuther Tannhäuser-Debüt. Woher dieser Sänger, der am Vortag noch eine herausragende Vorstellung als Siegmund in der "Walküre" gegeben hat, seine vokalen und darstellerischen Reserven bezieht, ist ein Wunder. Gestern war er noch ein Liebhaber, der sich ein Schwert gewinnen muss, heute hat ihn der Regisseur Tobias Kratzer in ein Clownskostüm gesteckt, gestern noch die "Wälse"-Schreie, heute eine Erzählung seiner Pilgerreise nach Rom, in die er seinen Abscheu und seinen Ekel in scharfe, lautmalerische und dann wieder resignative Töne kleidet.

Auch Elisabeth Teige war noch am Vortag in der "Walküre" als Sieglinde zu erleben. In der Rolle der Elisabeth gab sie ebenfalls ihr Bayreuth-Debüt. Sie hat einen warmen Stimmklang und verfügt über dynamische Reserven. Und sie verkörpert, ob Sieglinde oder Elisabeth (und in wenigen Tagen noch Senta), den Typus der empfindsamen, zerbrechlichen Frau. Aber ihre Diktion und ihre Phrasierungen wirken immer, womöglich auch durch das ausgeprägte, bis zum Tremolo tendierende Vibrato, ein wenig zerbrechlich und vor allem wenig textverständlich. Vielleicht hätte eine zupackendere Führung der Dirigentin Stutzmann hier zu mehr Konturen geführt.

In der dritten Hauptrolle stimmte Markus Eiche als Wolfram mit seinem schön fokussierten Bariton sein Lied an den Abendstern in makellosem Volksliedton an. In seinem Beitrag zum Sängerwettstreit "Blick ich umher in diesem Kreise" kleidete er die Nachdenklichkeit, die die Figur dort ausstrahlt, ein bisschen zu sehr in einen stockenden Gesang von abgesetzten Tönen.

Die Inszenierung von Tobias Kratzer, die inzwischen Kultstatus genießt, war auch im Jahr 2023 wieder ein großer Spaß, angefangen mit dem skurrilen Personal des Venusbergs, Ekaterina Gubanova als laszive Venus, der queere, sich selbst spielende Gateau Chocolat und Manni Laudenbach als kleinwüchsiger Oskar mit Trommel. Wie die drei in brillanten filmischen Einspielungen über eine Leiter ins Festspielhaus gelangen und zeitsynchron plötzlich auf der Bühne erscheinen, ist eine Meisterleistung der Bühnentechnik. Darüber hinaus wird man mit vielen interessanten Deutungen konfrontiert: das Festspielhaus als Pilgerstätte, Wolfram, der Sex mit Elisabeth hat, was man zwischen den Zeilen des Librettos ja immer ahnen konnte, bis hin zur Pausen-Performance der Venustruppe am Teich des Festspielhügels.

Premiere der Wiederaufnahme: 28.07.2023, noch bis zum 28.08.2023

Besetzung:
Landgraf Hermann: Günther Groissböck
Tannhäuser: Klaus Florian Vogt
Wolfram von Eschenbach: Markus Eiche
Walther von der Vogelweide: Siyabonga Maqungo
Biterolf: Olafur Sigurdarson
Heinrich der Schreiber: Jorge Rodriguez-Norton
Reinmar von Zweter: Jens-Erik Aasbø
Elisabeth, Nicht des Landgrafen: Elisabeth Teige
Venus: Ekatarina Gubanova
Ein junger Hirt: Julia Grüter
Le Gateau Chocolat: Le Gateau Chocolat
Oskar: Manni Lautenbach

Orchester der Bayreuther Festspiele
Chor der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Nathalie Stutzmann
Regie: Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Licht: Reinhard Traub
Video: Manuel Braun
Dramaturgie: Konrad Kuhn
Chorleitung: Eberhard Friedrich