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Andreas Schager (Parsifal) und Elīna Garanča (Kundry) im 2. Aufzug von Wagners „Parsifal“

26.07.2023 – Wagner, "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen

Stand: 26.07.2023, 09:30 Uhr

Im demokratischsten Theater der Welt, dem als Amphitheater angelegten Bayreuther Festspielhaus, herrschte bei der "Parsifal"-Premiere 2023 eine Zweiklassengesellschaft. Denn die Neuinszenierung des US-amerikanischen Theaterkünstlers Jay Scheib arbeitet mit Augmented Reality. Dazu brauchen die Zuschauer sogenannte AR-Brillen. Weil die so teuer sind (man sprach auf der Jahres-Pressekonferenz der Festspiele von 1.000 Dollar), konnten nur 330 Stück angeschafft werden. Das Festspielhaus hat aber um die 2.000 Plätze.

Die Festspiele hatten zwar versprochen, dass auch die Nichtbrillenträger eine vollwertige Inszenierung geboten bekommen, aber so ganz konnte Jay Scheib das nicht einlösen, denn was auf der Bühne stattfand, war ein über weite Strecken eher statisches Theater ohne besondere dramaturgische Ambitionen. Abgesehen davon, dass Parsifal den Gral als Unglück bringende Idee zerschmettert, anstatt das Amt des Gralskönigs von Amfortas zu übernehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Ritter Hüter von wertvollen Bodenschätzen wie Kobalt oder Titanium als Rohstoffe für die Hardware der Digitalwelt. Das erinnert ein bisschen an Frank Castorf, der 2013 das Rheingold als Erdöl als Schmierstoff der Industriewelt gedeutet hat.

Bei Jay Scheibs "Parsifal" sind Steine mit den wertvollen Erzeinschlüssen freilich nur durch die Brille wahrzunehmen. Da fliegen die Brocken dreidimensional und animiert durch den Raum. Und auch viele andere Gegenstände. In der Blumenmädchenszene im 2. Aufzug erlebt man eine florale Hippiewelt. In den dystopischen Szenen des 3. Aufzugs (Parsifals Irrfahren und später die moribunden Gralsritter) sind es Handgranaten, Gewehre und auch ein riesiger Muldenkipper, die eingeblendet werden. Und vieles mehr: umherflatternde Insekten, Schlangen, ein abgestorbener Wald, ein blutspritzender Schwan.

Jay Scheibs AR-Inszenierung ist ein Fundus an digitalen Requisiten. Die AR-Brillenträger werden durchaus überwältigt, aber auch abgelenkt. Einmal von einem gemeinschaftlichen Erlebnis, das sich auf eine Bühne ausrichtet, denn davon lebt ja jedes Theater ganz wesentlich. Und dann vor allem vom musikalischen Geschehen. Man muss sich regelrecht zwingen, genau zuzuhören, was sich bei dem neuem Bayreuther "Parsifal" absolut lohnt. Pablo Heras-Casado gab im legendären Bayreuther Graben sein Debüt. Der auch an der historischen Aufführungspraxis geschulte Dirigent lieferte eine transparente, flüssige, intelligent phrasierte und immer durchhörbare Deutung der Partitur. Er brauchte um die 4 Stunden für die Aufführung, ein mittleres Tempo, weit entfernt von Pierre Boulez‘ 3h 38min und ebenso weit entfernt von Arturo Toscaninis 4h 38min. Trotzdem wirkte seine Gangart nicht gemächlich, sondern erfüllt von innerer Spannung und Gestaltungswillen, wenn er die übereinander gelagerten Schichten der Musik bei der Gralsenthüllung im 1. Aufzug hörbar machte, dieses nervöses Tremolo in Streichern z. B. oder insgesamt die Sänger in einem Musizierstil begleitete, der durchaus an die Flexibilität des recitar cantando der frühen Barockoper erinnerte.

Georg Zeppenfeld, der den Gurnemanz in Bayreuth schon seit 2016 singt, war in dieser längsten aller Wagnerpartien wiederum eine Art Ruhepol, sang mit großer Souveränität, vielleicht am Premierenabend nicht mit derselben Prägnanz wie in früheren Aufführungen. Derek Welton verkörperte den Schmerzensmann Amfortas ohne zu jammern. Andreas Schager, der für den ursprünglich vorgesehehen Joseph Calleja in der Titelpartie eingesprungen war und auch den Siegfried im "Ring des Nibelungen" verkörpern wird, hatte seinen großen Moment bei dem Ausruf "Amfortas!- Die Wunde!" (nach dem Kuss der Kundry), weil er ein Sänger ist, der über unglaubliche Kraftreserven verfügt.

Ein weiteres Bayreuth-Debüt gab Elīna Garanča als Kundry. Im 2. Akt war sie eine eloquente Erzählerin, eine becircende Verführerin, und in dem Moment, wo sie ihren Sündenfall, den Heiland verlacht zu haben, bekennt, eine Bühnenfigur, deren Schreien von einem inneren energetischen Beben durchzogen war.

Ein Bayreuther Premierenabend von herausragenden musikalischen Leistungen, mit einer auf der Opernbühne innovativen Ästhetik bei allerdings bescheidenem dramaturgischen Gewinn, besonders auch dadurch, weil Jay Scheib, die beiden langen Verwandlungsszenen ("Zum Raum wird hier die Zeit" im 1. Aufzug und "Mittag. - Die Stund‘ ist da" im 3. Aufzug) merkwürdigerweise für seine augmentierten Realitäten mehr oder weniger ungenutzt ließ.

Premiere: 25.07.2023 noch bis zum 27.08.2023; am 29.07.2023 auf 3sat

Besetzung:
Amfortas: Derek Welton
Titurel: Tobias Kehrer
Gurnemanz: Georg Zeppenfeld
Parsifal: Andreas Schager
Klingsor: Jordan Shanahan
Kundry: Elīna Garanča / Ekaterina Gubanova
Gralsritter :Siyabonga Maqungo, Jens-Erik Aasbø
Knappen: Betsy Horne, Margaret Plummer, Jorge Rodríguez-Norton, Garrie Davislim
Klingsors Zaubermädchen: Evelin Novak, Camille Schnoor, Margaret Plummer, Betsy Horne, Marie Henriette Reinhold

Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado
Regie: Jay Scheib
Bühne: Mimi Lien
Kostüm: Meentje Nielsen
Licht: Rainer Casper
Video: Joshua Higgason
Dramaturgie: Marlene Schleicher
Chorleitung: Eberhard Friedrich