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27.07.2021 – Wagner, „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen

27.07.2021 – Wagner, „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen

Es war der Abend von Michael Volle in der Rolle des Hans Sachs. Die Partie fordert von jedem Sänger, der sich an sie wagt, nicht nur Kraftreserven und Kondition, sondern ein Höchstmaß an Gestaltungsmöglichkeiten. Mal ist Sachs der joviale Schustermeister, der seinen Lehrbub David väterlich schurigelt, mal ist er der Kompositionslehrer, der dem Stolzing mit musikgeschichtlichem Wissen die Kunst des Meistergesangs beibringt, mal ist er ein frustrierter Mann in der Midlife-Crisis, der sich nach einer Liebesbeziehung sehnt.

Am Schluss von Barry Koskys Inszenierung wandelt er sich zum Tribun, der ganz alleine auf der Bühne eine Rede mit nationalistischen Untertönen hält. Übrigens nicht alles in dieser Oper, sagte Barry Kosky bei der Premiere 2017, könne er in dieser Oper ernst nehmen. Er lässt den Sachs aber die Schlussansprache „Was deutsch und echt“ singen, zeigt ihn aber ganz alleine auf der Bühne. Andere Regisseure sind da radikaler vorgegangen, z. B. Peter Konwitschny seinerzeit in Hamburg 2002, der das Stück an dieser Stelle unterbrochen hatte.

Und dann gibt es den Hans Sachs in seinem Monolog „Wahn! Wahn! Überall Wahn“. Michael Volle hat sich in der Aufführung förmlich auf diesen Monolog hingearbeitet und sich danach davon entfernt. Er gestaltet ihn als philosophische und emotionale Rede gleichermaßen. Philosophisch, weil er seine ersten Worte so nachdenklich singt, wie wirklich jemand, der „forschend blickt“. Dann sich aber in wohligem Klanglaut ergibt bei „Mein liebes Nüremberg“, sich heftig erinnert an die Prügelnacht, von der er glaubt, dass er sie verursacht hat bei „Ein Schuster in seinem Laden zieht an des Wahnes Faden“, um schließlich sich hymnisch seiner Mission zu vergewissern, „ein edler' Werk zu tun“. Michael Volle hat alle diese Facetten vollkommen verinnerlicht. Und er singt klangschön und mit einer Textverständlichkeit, die die Aufmerksamkeit tatsächlich ganz auf die Worte lenkt.

„Die Meistersinger von Nürnberg“, Szene aus dem 1. Aufzug bei den Bayreuther Festspielen 2021

„Die Meistersinger von Nürnberg“, Szene aus dem 1. Aufzug bei den Bayreuther Festspielen 2021

Er ist auch das Zentrum der Inszenierung von Barry Kosky. Er zeigt ihn als Alter Ego von Richard Wagner selbst, mit dem Barett als Erkennungszeichen. Seiner Meistersinger-Kollegen sind dagegen drollige Puppen in Outfits der Dürer-Zeit. Sie bewegen sich in Slapstick-Manier. Mit diesem Nebeneinander der Spiel- und Stilebenen antwortet Kosky auf die Brüche und Ungereimtheiten, die er in dem Stück entdeckt, genauso damit, dass er den dritten Aufzug im Gebäude der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse ansiedelt, dort aber ein mittelalterliches Stadtfest in Szene setzt.

Klaus Florian Vogt als Stolzing, der die Partie erstmals 2007 in Bayreuth verkörperte, ist auch nach 14 Jahren immer noch in seiner Paraderolle. Dreimal muss er sein Preislied singen, und jedes Mal tut er es unangestrengter.

Mit dabei ist Georg Zeppenfeld als bedächtiger Goldschmied Veit Pogner, gesungen - wie immer – in klarer und doch fließender Diktion, aber vom Regisseur im Charakter etwas eindimensional gezeichnet, wie auch Camilla Nylund als Eva und Christa Mayer als Magdalene.

Dagegen holte Daniel Behle als Lehrbub David das Maximum aus seiner Rolle. Während sonst die Demonstration des angehäuften Schülerwissens beim Herunterbeten der Meistersingerweisen und Gesangsregeln oft plappernd dahingesungen wird, legte er in seinen Vortrag ein reflektierendes Moment, unterstützt von Dirigenten Philippe Jordan durch intelligente Tempowechsel.

Überhaupt war das größte Verdienst von Jordan an diesem Abend, den Darstellern Raum zu geben, ohne die vielen kleinen Orchesterkommentierungen zu verhuschen, um dadurch, das, was auf der Bühne stattfand, uneitel zu befördern.

Johanns Martin Kränzle konnte wegen einer Stimmerkrankung nicht singen. Er agierte stumm auf der Bühne, während von der Seite der eingeflogene Bo Skovhus den musikalischen Part übernahm. Durch diese Spreizung ergaben sich Brüche. Die Figur des Beckmesser erschien blasser, als sie von Barry Kosky angelegt wurde. Es wäre interessant gewesen, Bo Skovhus in seiner männlichen Virilität einmal als echten Beckmesser zu erleben. Dass er über das musikalisch-gestalterische Potential dafür verfügt, konnte man an diesem Abend erahnen.

Premiere der Wiederaufnahme: 26.07.2021

Besetzung:
Hans Sachs: Michael Volle
Walther von Stolzing: Klaus Florian Vogt
Sixtus Beckmesser: Johannes Martin Kränzle/ Bo Skovhus
Veit Pogner: Georg Zeppenfeld
Eva: Camilla Nylund
David: Daniel Behle
Magdalene: Christa Mayer
u.v.a
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Inszenierung: Barry Kosky
Bühne: Rebecca Ringst
Kostüme: Klaus Bruns
Licht: Franck Evin
Video: Regine Freise
Dramaturgie: Ulrich Lenz
Chorleitung: Eberhard Friedrich

Stand: 27.07.2021, 10:30