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23.05.2022 – Clemens von Franckenstein „Li-Tai-Pe“ in Bonn

Stand: 23.05.2022, 09:30 Uhr

Nach dem Zweiten Weltkrieg war im Musikleben vieles passé, was auf Spätromantik hindeutete, es sei denn es handelte sich um Richard Strauss oder Gustav Mahler. Die Avantgardisten gaben den Ton an. Arnold Schönberg war deren Referenzpunkt. Mit der Aufarbeitung der Nazidiktatur wurde zugleich manches weggeräumt, was die Nazis selbst verbannten. Mit diesem Phänomen setzt sich an der Oper Bonn das Projekt Fokus 33 auseinander zuletzt mit der Wiederaufführung der Oper „Li-Tai-Pe“ von Clemens von Franckenstein, dem ehemaligen Münchner Hoftheaterintendanten, der zwar kein Widerstandskämpfer war, sondern eher so etwas wie ein innerer Emigrant. Das 1920 uraufgeführte Stück war vor dem Krieg äußerst erfolgreich, heute ist von Franckensteins Musik völlig vergessen.

Thematisiert wird die Geschichte des berühmten chinesischen Dichters Li-Tai-Pe, der im 8. Jahrhundert lebte, mit seinen Gedichten die Welt und den Kaiser erfreute, sich aber nie zum Staatskünstler machen ließ, sondern sich seinen Inspirationen hingab, die er – geschichtlich verbürgt! – aus seiner Trunksucht gewann. Er liefert dem Kaiser ein Liebesgedicht für die zu gewinnende Prinzessin, wird von den Hofschranzen denunziert, aber von der ihm treu ergebenen Frau Yang-Gui-Fe aus dem Volk gerettet.

Mirko Roschkowski (Mitte) in der Titelrolle von „Li-Tai-Pe“ von Clemens von Franckenstein an der Bonner Oper

Mirko Roschkowski (Mitte) in der Titelrolle von „Li-Tai-Pe“ von Clemens von Franckenstein an der Bonner Oper

Für die Regisseurin Adriana Altaras ist das eine Steilvorlage für eine sanft ironische Behandlung von allerlein China-Klischees bis hin zu einer komödiantischen Pantomime der Mandarine als hinzugefügtes Intermezzo im Zuschauerraum. Auf der Bühne machen die Hofschranzen unablässig den Kotau, sieht der vollbärtige Li-Tai-Pe in Gestalt von Mirko Roschkowski eher wie ein Oberammergau-Mime aus und gibt in torkelnder Bewegung helles Tenorpathos von sich, zeigt Joachim Goltz den Kaiser in exotischen Kostümen vor chinesischer Parteitagskulisse in gestelztem Ton als Gerechtigkeitsherrscher oder werden im ersten Akt chinesische Garküchen als Lebensmittelpunkt der Gesellschaft gezeichnet.

Diese permanente Vermischung aus heutigem, exotischem und historischem China befeuern auch den Bühnenbilder Christoph Schubiger und die Kostümbildnerin Nina Lepilina dazu, heiter nachdenkliche Chinoiserien auf die Bühne zaubern, die dem Zuschauer versichern, nicht alles allzu ernst nehmen zu müssen.

Ob das freilich auch für die Musik gilt, sei dahingestellt. Denn von Franckensteins Stil, um den sich der Dirigent Hermes Helfricht redlich bemüht, pendelt zwischen filmmusikalischer Flüssigkeit und spätromantischem Pathos geschickt hin und her. Eine ausgezeichnete Textverständlichkeit prägt dabei den Abend. So singt Li-Tai-Pes Gefährtin dessen Gedicht vom einsamen Kormoran voller Inbrunst, wobei sich Anna Princeva erst im Verlaufe des Abends allmählich in die Rolle hineinsteigern kann, so gilt Li-Tai-Pes in bester Meistersinger-Manier dargebotenes Preislied „In sanftem Leuchten blicken die Sterne“ im zweiten Akt als musikalischer Höhepunkt des Ganzen, während man an anderen Stellen - etwa in den Trinkliedern - den in den Zwanzigerjahren auch auf der Opernbühne gepflegten Salonstil vernimmt.

Insgesamt eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Stoff, nicht zu vergessen das hervorragendes Kompendium zu Werk, Zeit und Geschichte, das dem Zuschauer der Bonner Oper für sein Bücherregal mitgegeben wird.

Premiere: 22.05.2022, noch bis zum 24.06.2022

in WDR 3 Oper am 19.06.2022, 20:04 Uhr

im Deutschlandfunk Kultur am 13.08.2022, 19:04 Uhr

Besetzung:
Kaiser Hüan-Tsung: Joachim Goltz
Dichter Li-Tai-Pe: Mirko Roschkowski
Ho-Tschi-Tschang, Doktor der Kaiserlichen Akademie: Giorgos Kanaris
Yang-Kwei-Tschung, Erster Minister: Tobias Schabel
Kao-Li-Tse, Kommandant der Garden: Johannes Mertes
Ein Herold: Martin Tzonev
Ein Wirt: Kieran Carrel
Ein Soldat: Pavel Kudinov
Fei-Yen, eine koreanische Prinzessin: Ava Gesell
Yang-Gui-Fe, ein Mädchen aus dem Volke: Anna Princeva
Mandarine  Tae-Hwan Yun, Alexander Kalina, Juhwan Cho, Ricardo Llamas Marquez

Chor und Extrachor des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn

Musikalische Leitung: Hermes Helfricht
Inszenierung: Adriana Altaras
Bühne: Christoph Schubiger
Kostüme: Nina Lepilina
Licht: Boris Kahnert
Dramaturgie: Andreas K. W. Meyer
Choreinstudierung: Marco Medved