18.06.2018 – Verdi, „Macbeth“ an der Staatsoper Berlin

18.06.2018 – Verdi, „Macbeth“ an der Staatsoper Berlin

Eine kernige, strahlende Stimme, die für Macht und Selbstsuggestionsfähigkeit einer Person steht, die einen grausamen Mord begehen wird. Dann eine Gesangsführung, die in Zwischentönen, leichten Temponuancen, durch Dunkelfärbung des Klangs und kontrolliertes Beben der Stimme die Gewissenbisse und Nöte dieser Person ausdrückt. Das ist der Macbeth, der den Dolch vor sich liegen sieht, mit dem er den König Duncan richten wird, getrieben von der Lady Macbeth. „Sappia la sposa mia“, diesen ersten großen Auftritt, singt an der Berliner Staatsoper ein 77jähriger. Es ist der immer noch phänomenale Plácido Domingo.

Da ist keine Spur von Altersweisheit, Müdigkeit oder auch nur Abgeklärtheit. Als Zuhörer kann man über diesen Künstler nur staunen, auch wenn am Ende der Oper bei dem berühmten „Pietà, rispetto, amore“ sich Larmoyanz breit macht, die Emphase weg ist und das Tempo verschleppt wirkt.

Das lag aber weniger an Plácido Domingo, sondern an Daniel Barenboim, dem das Verschleppende ein paar Mal unterlief, so auch bei „Vieni t’affretta!“, wo er Anna Netrebko als Lady Macbeth fast um die Wirkung ihres ersten Auftritts brachte. Die dramatische Linie, der große Ausdrucksbogen, der die Sänger trägt und beflügeln kann und muss, das hielt Barenboim den beiden Stars allzu oft vor. Stattdessen präsentierte er an anderer Stelle die lärmende Musik einer brillanten Blaskapelle, in der Bankettszene oder beim Auftritt des Königs, was übrigens ein Merkmal von Verdis frühen Partituren ist und auch im „Macbeth“ nicht ganz falsch ist.

Plácido Domingo als Macbeth oder Anna Netrebko als Lady Macbeth an der Staatsoper Berlin

Plácido Domingo als Macbeth oder Anna Netrebko als Lady Macbeth an der Staatsoper Berlin

Anna Netrebko, der andere Star dieser Galavorstellung, aus deren Anlass man vor der Lindenoper die roten Teppiche ausgerollt hatte und Limousinen vorfahren ließ, wirkte also zunächst irgendwie verunsichert. Doch das änderte sich. Schon bei „La luce langue“, nachdem der Mord auch an Banquo beschlossen ist, drückt sie die Verfassung der Lady zwischen Verruchtheit und Seligkeit durch ein fließendes Hin und Her von schneidender Schärfe und diesem Netrebko-typischen, dunkel gefärbten, weichen Klang aus. Großartig gelang ihr schließlich die Schlafwandelszene im vierten Akt „Una macchia è qui tuttora“ in einer dringlichen und zugleich sehr schönen Pianolinie.

Der Inszenierung von Harry Kupfer – noch ein Altmeister, 82 Jahre alt – kann man zumindest bescheinigen, dass sie gediegen-repräsentativ ist. Dem Promi-Volk drinnen und dem Open-air-Volk draußen auf dem Bebelplatz hat's gefallen. Die wenigsten dürften sich an den mit Kordeln und Orden behängten Uniformen - vielleicht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs – oder an den Video-Detonationen im Bühnenprospekt gestört haben. So tolerant ist heute jeder Opernbesucher in Berlin, dass er nicht auf Dekorationen aus dem Schottland im 11. Jahrhundert besteht.

Premiere: 17.06.2018, noch bis zum 02.07.2018 und wieder im Mai 2019

Besetzung:
Macbeth: Plácido Domingo
Banquo: Kwangchul Youn
Lady Macbeth: Anna Netrebko
Macduff: Fabio Sartori
Malcolm: Florian Hoffmann
u.a.

Staatsopernchor und Staatskapelle Berlin

Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Harry Kupfer
Bühnenbild: Hans Schavernoch
Kostüme:Yan Tax
Licht: Olaf Freese
Video: Thomas Reimer
Regiemitarbeit: Derek Gimpel
Choreographische Mitarbeit: Helga Schiele
Einstudierung Chor: Martin Wright
Dramaturgie :Detlef Giese

Stand: 18.06.2018, 13:50