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15.08.2018 – Rossini, „L’italiana in Algeri“ bei den Salzburger Festspielen

15.08.2018 – Rossini, „L’italiana in Algeri“ bei den Salzburger Festspielen

Bei der Komik ist das Timing alles. Deswegen haben es haben es die Regisseure mit komischen Opern schwer. Das Timing kommt von der Musik, und die Gags müssen ihr folgen. Auch in Rossinis „L’italiana in Algeri“ bei den Salzburger Festspielen. Noch vor dem „Barbier von Sevilla“ feierte Rossini damit schon im 19. Jahrhundert Triumphe in ganz Europa. Das Stück strotzt nur so von komischen Situationen.

Mustafà will partout seine gefügige Gattin loswerden und lieber mit einer rebellischen Italienerin anbändeln, weil sie ihn als Mann herausfordert. Aber er ist auch eitel und fällt darauf hinein, dass man ihn zum Pappataci kürt, ein Phantasietitel, der ihn dazu nötigt, alles, was passiert, in Gleichmut und beim Essen und Schlafen über sich ergehen zu lassen, auch wenn Isabella, das Objekt seiner Begierde, diese Finte mit Lindoro zur Flucht aus dem Serail nutzt. Das kann witzig sein, kann aber auch ermüdend wirken.

Bei der von den Salzburger Pfingstfestspielen wieder aufgenommenen Produktion der Oper ist der Mustafà ein tölpelhafter Kleinunternehmer im heutigen Algier, der seinen Clan, eine Straßengang, die meist in lotteriger Fitnesskleidung auftritt, mehr nachlässig als brutal dirigiert. Ildar Abdrazakov spielt diesen Mustafà als arabischen Vorstadt-Macho, der seinen enormen künstlichen(?) Bauch wie eine Trophäe präsentiert. Warum er sich aber so bedingungslos zum Depp machen lässt, können Moshe Leiser und Patrice Caurier in ihrer Inszenierung nicht plausibel machen. Das hat etwas mit Situationskomik zu tun, die aber durch die pure Länge der Musik im Finale der Oper zu Tode geritten wird.

Ildar Abdrazakov (Mustafà) und Cecilia Bartoli (Isabella) in L’italiana in Algeri bei den Salzburger Festspielen

Ildar Abdrazakov (Mustafà) und Cecilia Bartoli (Isabella) in L’italiana in Algeri bei den Salzburger Festspielen

Die Italienerin, die die Prol-Welt von Algier aufmischt, ist hier Cecilia Bartoli. Ihr Auftreten allein sorgt für Präsenz besonders in ihrer Cavatine „Per lui che adoro“, in der sie tatsächlich wirklich nackt in der Badewanne drei geifernde Männer umgarnt. Diese Szene funktioniert, weil die Bartoli hier in einer absurden Situation dezent Frivolität und Erotik verströmt. Insgesamt aber passt die Rolle der Isabella nicht wirklich zu ihrem Stimmtimbre. Es ist eine Altpartie mit gelegentlichen Koloraturpassagen, die sie natürlich wie immer stupend meistert.

Ansonsten herrscht einfallsreicher Klamauk, etwa wenn Mustafà in Feinripp-Unterwäsche die Toilette aufsucht, um den Zudringlichkeiten seiner Ehefrau zu entgehen oder Lindoro als Freak in der Straße seine Herz-Schmerzarie singt und die Araber von den Balkonen Ruhestörung beklagen.

Dabei ging ein wenig verloren, dass die Sänger für sich genommen wirklich gekonnt agierten, allen voran Edgardo Rocha als Lindoro, hier als Freak mit Afro-Zöpfen verkleidet mit lupenreiner Rossini-Tenor-Eleganz und auch Alessandro Corbelli in der Rolle des Taddeo als täppisch ältlicher Begleiter von Isabella.

Leider entlockte Jean-Christophe Spinosi seinem Originalklang-Ensemble Matheus meist nur strohige Klänge und bemühte sich durch zackiges Taktschlagen manchmal vergebens um eine Koordination des musikalischen Geschehens wie im Finale des 1. Akts, wo die Konfusion auf der Bühne eine umso präzisere musikalische Umsetzung erfordert hätte.

Premiere: 18.05.2018 (Pfingstfestspiele), besuchte Vorstellung: 14.08.2018, noch am 16. und 19.08.2018

Besetzung:

Isabella: Cecilia Bartoli
Mustafà: Ildar Abdrazakov
Lindoro: Edgardo Rocha
Taddeo: Alessandro Corbelli
Haly: José Coca Loza
Elvira: Rebeca Olvera
Zulma: Rosa Bove

Philharmonia Chor Wien
Walter Zeh, Choreinstudierung
Ensemble Matheus

Musikalische Leitung: Jean-Christophe Spinosi
Regie: Moshe Leiser, Patrice Caurier
Bühne: Christian Fenouillat
Kostüme: Agostino Cavalca
Licht: Christophe Foreyt
Video: Étienne Guiol
Dramaturgie: Christian Arseni

Stand: 15.08.2018, 13:50