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15.08.2022 - Leoš Janáček, "Katja Kabanova" bei den Salzburger Festspielen

Stand: 15.08.2022, 09:30 Uhr

Man hört Vogellaute. Wenn sich der Vorhang hebt, befindet man sich nicht am Ufer der Wolga, sondern blickt in der breiten Salzburger Felsenreitschule auf die Rücken einer stummen Menschenmasse. Vor dem zweiten Akt sind es dann dröhnende Glocken und vor dem dritten ein grollendes Gewitter. Hinter diesen Klangkulissen und hinter einem durchsichtigen Gazevorhang werden die Menschenmassen immer neu angeordnet. Es sind menschengroße Puppen, gekleidet so, wie man sich Menschen in russischen Kleinstädten der Sowjetzeit vorstellt. Mehr Bühnenbild gibt es in der neuen Salzburger Produktion von Janáčeks "Katja Kabanowa" nicht, keine Häuser, keine Zimmer und keine Wolga.

Wenn Katja am Schluss sich im Fluss ertränkt, verschwindet sie im Bühnenboden, und ihr Mann Tichon zieht nur ihr nasses Kleid heraus wie aus einem Zuber. Diesem Bühnenbild, so eindrucksvoll es in seiner Einfachheit und Wucht ist, liegt freilich eine dramaturgische Ungenauigkeit zugrunde, denn was anderes als eine abweisende, ausgrenzende Gesellschaft sollen die menschlichen Rücken darstellen. Ausgrenzung ist es aber nicht, was Katja erlebt, sondern umgekehrt die Enge und Kontrolle durch eine in diesem Fall matriarchale Gewaltherrschaft der alten Kabanicha.

Jaroslav Březina (Tichon), Corinne Winters (Katja), in: Katja Kabanova von Leoš Janáček

Jaroslav Březina (Tichon), Corinne Winters (Katja), in: Katja Kabanova von Leoš Janáček

Davon abgesehen begreift der Regisseur Barrie Kosky dieses Arrangement, das ihm ihm der Bühnenbilder Rufus Didwiszus und die Kostümbildnerin Victoria Behr gebaut und geschneidert haben, als Herausforderung, indem er das Seelendrama der unglücklichen, ehebrechenden, sich selber der Sünden zeihenden Katja opernuntypisch choreographisch auflöst und dabei die immer ganze Bühnenbreite nutzt. So ist diese "Katja Kabanova" weniger Kammerspiel und mehr Tanztheater. Katjas Schwester Vavara, die in ihrer Unbekümmertheit letztlich das verhängnisvolle Rendezvous zwischen Katja und Boris einleitet, animiert sie vorher zu Pirouetten und Umarmungen. Katja, die aus Angst vor eigenen Fehltritten ihren Mann Tichon nicht gehen lassen will, springt ihn wie eine Ballerina an und klammert sich an ihn. Choreographisch brillant auch die Szene, in der sich der herrische Onkel Dikoj sich der noch mehr "herrischen" Kabanicha mit perversen "Dogplay"-Gebärden unterwirft und sich wie ein Tier aus der Szene rollt, von Jens Larsen als Biedermann mit bösen Adern dargestellt. Barrie Koskys Theater wirkt wie ein gutes Handlungsballett und transportiert zugleich das Abgründige der Geschichte.

In Janáčeks Partitur sind zwei Arten von Musik aufbewahrt. Einmal die von ihm erfundenen, dem Tschechischen abgelauschten Sprachmelodien, die den größten Teil ausmachen. Jakub Hrůša konnte mit den Darstellern diese Einheit aus Sprache und Klang nur manchmal herstellen, was möglicherweise an den Schwierigkeiten lag, das bewegungsreiche Geschehen auf der breiten Bühne mit dem Orchester zu koordinieren. Zum anderen gibt es Passagen, in denen Klang und Melos ein Eigengewicht zukommt, in den zahlreichen Zwischenspielen und auch in Schlüsselszenen etwa Katjas Erinnerung an ihre ekstatischen Visionen oder die volkstümlichen Lieder, die Varvara und ihr Liebhaber Kudrjáš bei ihrem Tête-à-Tête anstimmen. Das alles gelang hervorragend und sorgte für die große Zustimmung, die diese Aufführung erfuhr, wozu vor allem Corinne Winters, die Darstellerin der Katja, beitragen konnte, die ihr Festspieldebüt gab. Durch Ihre zierliche Erscheinung und ihre bewegliche Sopranstimme, mit der sie jederzeit auch ein dramatisches Feuer auflodern lassen kann, vermittelte sie die Rolle klanglich und visuell plausibel, ebenso wie Evelyn Herlitzius – ganz gegensätzlich – die der Kabanicha durch raues, scharfes und aggressiv prägnantes Singen.

Premiere: 07.08.2022, besuchte Vorstellung: 14.08.2022

Besetzung:
Dikoj: Jens Larsen
Boris: David Butt Philip
Kabanicha: Evelyn Herlitzius
Tichon: Jaroslav Březina
Katja: Corinne Winters
Kudrjáš: Benjamin Hulett
Varvara: Jarmila Balážová
Kuligin: Michael Mofidian
Glaša: Nicole Chirka
Fekluša: Ann-Kathrin Niemczyk

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker

Musikalische Leitung: Jakub Hrůša
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild: Rufus Didwiszus
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Franck Evin
Choreinstudierung: Huw Rhys James
Dramaturgie: Christian Arseni