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15.08.2021 – Händel, „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ bei den Salzburger Festspielen

Regula Mühlemann (Bellezza), Cecilia Bartoli (Piacere) in: „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“

15.08.2021 – Händel, „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ bei den Salzburger Festspielen

Das Publikum geht sicher nicht zu den Salzburger Festspielen, um sich über die Standards der historischen Aufführungspraxis zu informieren. Trotzdem ist das ein Thema, wenn Händels frühes Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ auf dem Spielplan steht, eine Wiederaufnahme von den Salzburger Pfingstfestspielen. Um es vorwegzunehmen: Das Publikum ist begeistert von Cecilia Bartoli, Regula Mühlemann, Charles Workman, dem Countertenor Lawrence Zazzo und dem Dirigenten Gianluca Capuano.

Es gibt ja auch so viele Melodien wiederzuerkennen, um sich wohlzufühlen, wenn die Bartoli das berühmte „Lascia la spina“ singt, oder Zazzo „Crede l’uom“, Mühlemann die Schlussnummer „Tu del ciel ministro eletto“. Capuano huldigte in all diesen Nummern einem regelrechten Piano-Fetisch. Es ist ja schon in Ordnung, die Musik jeweils sanft verklingen zu lassen. Der Pianoeffekt ist mindestens genauso einnehmend wie die Forte-Attacke im Vivace. Und der beste Einfall des Regisseurs Robert Carsen besteht sicher darin, die von den vergänglichen Freuden des jugendlichen Daseins geläuterte Bellezza im leeren Bühnenraum hinten durch das Portal, über das sonst die Bühnenausstattung angeliefert wird, ins Freie entschwinden zu lassen, nachdem man zuvor zwei Stunden der Nachbildung einer Fernseh-Castingshow, einer psychoanalytischen Sitzung und einer filmischen Romanze, bei der diese Hauptfigur sich an ihre Affäre mit einem Discohelden erinnert, beigewohnt hat.

Bei einem so anspruchsvollen Projekt beim prestigeträchtigsten Musikfestival der Welt muss aber mehr stimmen, es muss handwerklich stimmen. Es darf nicht sein, dass Regula Mühlemann über eine Stunde braucht, um erst in „Un pensiero nemico di pace“ eine Arie einigermaßen sattelfest im Zusammengehen mit dem Orchester in den Raum zu platzieren, auch nicht, dass Lawrence Zazzo in der schönen Nummer „Più non cura“ Mühe hat, wohlklingende Phrasen zu Ende zu singen, die für ihre Koloraturenvirtuosität legendäre Cecilia Bartoli in „Fosco genio e nero dolo“ gepresst und eng klingt und der in anderen Rollen so wunderbare Charles Workman in „Urne voi, che racchiudete tante belle“ schlicht und ergreifend die Töne verfehlt. Wahrscheinlich ist er einfach kein Barocksänger. Und warum lässt der Dirigent Capuano das Continuo daher klimpern. Ja, es ist Mode, die Begleitung der Rezitative frei anzulegen, aber rhythmisch sollte es trotzdem stimmen.

Wieviele schöne Barock-Opern hat man schon in Salzburg erlebt, z. B. 2017 „Ariodante“ ebenfalls mit Bartoli, Capuano und den Les Musiciens du Prince–Monaco.

Aber diesmal gilt: Mehr Sorgfalt bitte!

Premiere der Wiederaufnahme: 04.08.2021, besuchte Vorstellung: 14.08.2021

Besetzung:
Bellezza: Regula Mühlemann
Piacere: Cecilia Bartoli
Disinganno: Lawrence Zazzo
Tempo: Charles Workman

Les Musiciens du Prince-Monaco

Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Inszenierung: Robert Carsen
Bühne und Kostüme: Gideon Davey
Licht: Peter Van Praet, Robert Carsen
Choreografie: Rebecca Howell
Video: rocafilm
Dramaturgie: Ian Burton

Stand: 15.08.2021, 09:30