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10.08.2023 – Gluck, „Orfeo ed Euridice“ bei den Salzburger Festspielen

Stand: 10.08.2023, 09:30 Uhr

Zur Opernkonvention des 18. Jahrhunderts gehört das „glückliche Ende“, so auch in Glucks „Orfeo ed Euridice“. Nachdem Orfeo sich umwendet und Euridice anschaut, hat er sie für immer verloren. Es gibt aber noch eine Schlussszene, in der Amor beide erlöst. Für den Regisseur Christof Loy ist das nicht plausibel. Er hat sich mit dem Dirigenten Gianluca Capuano darauf verständigt, stattdessen noch einmal den Trauerchor vom Beginn singen zu lassen, nachdem Orfeo seinen Selbstmord angekündigt hat.

Aus der Sicht des Regisseurs ist das konsequent, denn er interpretiert das Drama rein psychologisch (wie er es in vielen anderen seiner Inszenierungen auch schon getan hat). Man spürt und sieht förmlich die Qualen, die Orfeo erleidet, wenn er seine Geliebte, ohne sie anzublicken dazu bewegen muss, ihm zu folgen, denn sie kommt ihm körperlich nahe, fasst ihn an, bedrängt ihn. Und ebenso spürt man die Verzweiflung von Euridice, die das alles nicht einordnen kann. Man verfolgt ein Beziehungsdrama, keine mythologische Lehrstunde. Cecilia Bartoli in der Titelrolle presst die Qualen förmlich aus sich heraus. Das ist reiner Ausdrucksgesang, selbst in der Arie „Che farò senza Euridice“. Zweimal wird diese Verzweiflungsfrage im hastigen Tempo wie aus einem Delirium heraus hingeworfen, erst beim dritten Mal erklingt die berühmte Melodie im Legato-Piano. Dass sich Capuano auf diese Tempowahl eingelassen hat (und dafür auch Quellenbelege gefunden hat), zeugt von einer intelligenten Verschränkung von Regie und Musik. Ebenso wie die Bartoli die Partie angelegt hat, nämlich auf allen Schöngesang verzichtend. Selbst ihre Piano-Töne bei „Piango il mi ben così“ wirkten wie von innen herausgepresst. Aufgeführt wird die sogenannte „Parma“-Fassung der Oper von 1769, deren Hauptunterschied in der höheren Lage für die Titelrolle besteht, was offenbar die Stimme von Cecilia Bartoli besser zur Geltung bringen sollte. Mélissa Petit als Euridice zeigte das Ausdruckshafte auf andere Weise, nicht im kämpferisch forcierten Ton, sondern mehr in sich gekehrt und dem Fluss der Emotionen folgend.

Cecilia Bartoli als Orfeo in: „Orfeo ed Euridice“

Cecilia Bartoli als Orfeo in: „Orfeo ed Euridice“

Gegenüber dieser Schlüsselstelle fielen, was die Szene anbelangt, die zahlreichen Chornummern ab, der Trauerchor am Anfang oder der Chor der Furien und Geister bei Orfeos Eintritt in die Unterwelt. Hier bewegen sich Herren im schwarzen Anzug und Frauen in weißen langen Kleidern in einer Mischung aus klassischem Ballett und modernem Ausdruckstanz (Choreographie auch von Christof Loy) in dem von Johannes Leiacker geschaffenen Einheitsraum, der eine breite Treppe zeigt, die nach hinten zu einer Pforte führt, die wohl in die Unterwelt führt.

Die Sänger des Chors Canto di Orfeo sitzen an der Bühnenkante direkt über dem Orchester. Was man oben nur erahnen kann, hört man stattdessen, ein sanftes trauriges Piano bei der Klage um Euridice am Anfang, grelle Schreie im Staccato beim Unterweltschor. Und auch die Musiciens du Prince – Monaco (gewissermaßen das Hausorchester in der von den Salzburger Pfingstfestspielen wieder aufgenommenen Produktion) verdeutlichen das Geschehen in einer erstaunlichen klanglichen Variabilität und in fein differenzierten dynamischen Abstufungen in geradezu lautmalerischer Prägnanz.

Besuchte Vorstellung: 09.08.2023, Premiere bei den Pfingstfestspielen: 26.05.2023, noch bis zum 14.08.2023

Besetzung:
Orfeo: Cecilia Bartoli
Euridice: Mélissa Petit
Amore: Madison Nonoa

Il Canto di Orfeo
Les Musiciens du Prince – Monaco

Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Regie und Choreografie: Christof Loy
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Ursula Renzenbrink
Licht: Olaf Winter
Dramturgie: Klaus Bertisch
Choreinstudierung: Jacopo Facchini