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Peter Auty (Asrael), Khatuna Mikaberidze (Loretta) in „Asrael“ von Alberto Franchetti an der Oper Bonn

23.10.2022 – Alberto Franchetti, "Asrael" in Bonn

Stand: 23.10.2022, 09:30 Uhr

Opern-Italien sucht einen Nachfolger für Verdi, denn der hatte schon lang nichts mehr komponiert. Puccini ist noch nicht da. In Frage kommen Ponchielli, Mascagni, Leoncavallo und Alberto Franchetti. Sein Opernerstling "Asrael" ist 1889 ein voller Erfolg und wird in Europa nachgespielt, auch seine anderen Opern insbesondere "Germania", bis 1933 die Nazis den jüdischen Komponisten Franchetti mit einem Aufführungsverbot belegen. Die Oper Bonn zeigt "Asrael" im Rahmen ihrer sehr verdienstvollen Serie Fokus 33, in der "vergessene" Werke neu zur Diskussion gestellt werden.

Bei Franchetti, der übrigens noch vor Puccini den Auftrag bekam "Tosca" zu vertonen, aber ablehnte, ist diese Diskussion tatsächlich angebracht. Denn was heißt schon Oper? Dass auf einer Bühne gesungen wird? Das passiert in "Asrael" vor allem in den Höllen- und Himmelschören, die von rings herum aus dem ganzen Opernhaus schallen. Dazu besonders in den Vor-, Nach- und Zwischenspielen eine farbige Orchestermusik, die immer, wenn Franchetti glitzernde Klanggemälde malt, so einehmend sein können wie schöne Stellen bei Gustav Mahler oder Richard Strauss.

Aber zur Oper gehört auch Drama- und Emotion. Und das findet während der gut zweieinhalb Stunden eigentlich nur einmal am Beginn des dritten Akts statt, als die "Zigeunerin" Loretta, ihre Liebe zu Asrael reflektiert, berührend und zugleich glutvoll intensiv gesungen von Khatuna Mikaberidze.

Zum Hintergrund: Asrael ist ein Engel, der in Luzifers Reich verschleppt wurde und für ein Jahr auf der Erde als Seelenfänger weilt. Die Prinzessin Lidoria verschmäht er, nicht aber Loretta. Seine tiefe Liebe gehört aber, seit er noch im Himmel war, Nefta, die nun ebenfalls auf der Erde ist, um ihn zu retten. Das gelingt ganz zum Schluss, als sie Asrael wieder zu beten lehrt. Dafür, dass dort die Gnade und Liebe Gottes gefeiert wird, geht es aber entschieden zu laut zu mit den pompösen Trompetenfanfaren. Und auch sonst wird man im Bonner Opernhaus klanglich sehr oft überwältigt. Schwer zu entscheiden, ob das an der Umsetzung von Dirigent Hermes Helfricht und der Bonner Ensembles lag oder schon in der Partitur so angelegt ist.

Tatsächlich ereignet sich die Oper vor allem in tableauartigen Szenen: ein Höllenschlund, Himmelstheater, Wald- und Schlossszenen, die den Darstellern wenig Raum für Charakterdarstellungen lassen. Svetlana Kasyan als Nefta gelingt es trotzdem, indem sie mit innerem Beben und scharfer Entschlossenheit am Ende der Oper das Gebetsritual vollzieht.

Peter Auty als Asrael war stimmlich an dem gehörten Abend gar nicht gut beieinander und musste sich durch seine anspruchsvolle Partie quälen. Auch hatte er in seinem Spiel so gar nichts von einem sich in einem faustischen Existenzkampf befindlichen Menschen, sondern tapste durch die Szenerien wie bei einem Jahrmarktsrundgang.

Und das, obwohl Regisseur Christopher Alden ihm viele Gelegenheiten schuf, sich mit innerer Beteiligung einzubringen. Außerdem setzte Alden, wo immer es ging, Gegenakzente zu dem in der Anlage des Stücks immer drohenden Sakralkitsch. Das Höllenpersonal sind Soldaten, und die Engel tragen abnehmbare Karnevalsflügel. Und wenn es wirklich ernst wird, lässt Alden die Darsteller gewissermaßen aus der Szene heraus und an die Rampe treten wie am Ende des 2.Aktes, als Asrael die Prinzessin verschmäht, sich mit Loretta einlässt und Nefta zur Rettungstat entschlossen schon anwesend ist.

Aldens vielleicht bester Regieeinfall war, den Luzifer, den König und den Bauern von einem Darsteller verkörpern zu lassen, was Pavel Kudinov mit seinem sonoren Bass glänzend tat. Er gibt auch die stumme Rolle des "Padre", der immer anwesend ist, mal gewalttätig, mal besorgt und am Ende hinfällig. Gemeint ist wohl Raimondo Franchetti, der Vater des Komponisten, zu seiner Zeit einer reichsten Männer Italiens, der kurzerhand das Theater in Reggio Emilia kaufte, um darin diese erste Oper seines Sohnes aufführen zu lassen.

Besuchte Vorstellung: 22.10.2022, Premiere: 16.10.2022, noch bis 14.01.2023

Besetzung:
Asrael: Peter Auty
Nefta: Svetlana Kasyan
Loretta: Khatuna Mikaberidze
Lidoria: Tamara Gura
Il Padre/Lucifero/Il Re di Brabante: Pavel Kudinov

Chor und Extrachor des Theaters Bonn
Beethoven Orchester Bonn

Musikalische Leitung: Hermes Helfricht
Choreinstudierung: Marco Medved
Inszenierung: Christopher Alden
Bühnenbild: Charles Edwards
Licht: Tim Claydon