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08.02.2023 – Cäcilia Wolkenburg – „Fastelovend zesamme!“

Stand: 29.01.2023, 09:30 Uhr

Im Barockzeitalter begann die Opernsaison immer an Karneval. Manchmal wurde überhaupt nur an Karneval Oper gespielt. In Köln ist es heute genau umgekehrt. Die reguläre Oper pausiert für das Divertissementchen, eine jährlich neue Produktion der Cäcilia Wolkenburg. Das ist die fast 150 Jahre alte „Bühnenspielgemeinschaft“ im Kölner Männer-Gesang-Verein. 100 Laiendarsteller – alles Männer – spielen im Staatenhaus im Januar und Februar 29-Mal fast täglich „Fastelovend zesamme!“, so der Titel des Musicals, der Revue, des Singspiels, welcher Gattung auch immer man es zurechnen will.

Vielleicht kann man es dieses Jahr sogar auch eine richtige Oper bezeichnen, denn wir haben ein Libretto mit einer Handlung, wir haben Solisten, die Arien singen, wir haben Chöre, wir haben Tanz, wir haben ein bisschen Drama, wir haben ein Orchester (die Bergischen Symphoniker ergänzt um die Band Westwood Slickers), deren Notenpultleuchten oben im Hintergrund leuchten wie der Sternenhimmel über der stilisierten Kulisse vom Alter Markt. Mehr kann auch von großer Oper nicht verlangen.

Erzählt wird die Geschichte von der Gründung des Kölner Karnevals im Jahr 1823, als sich das Festkomitee, die „Hellige Knäächte un Mägde“, die „Grosse von 1823“ und die roten Funken formierten, als Nachfolger der Kölner Stadtsoldaten, aber, wie man im Staatenhaus hört, nicht um zu schießen, sondern um mit Holzgewehren zu paradieren, als eine schön anzusehende Friedenstruppe aus alter Zeit.

Divertissementchen 2023 im Staatenhaus

Divertissementchen 2023 im Staatenhaus

Die Kostüme der Funken sind immer schön, so auch im diesjährigen Divertissementchen, aber nichts gegen die herrlichen Gewänder, die Judith Peter für die Frauen entworfen hat, die übrigens die Hauptrollen spielen. Deren „mutiger“ Initiative verdankt sich angeblich die Existenz des Kölner Karnevals. Das sind Änni (Karl Gesell) und Stina (Simon Wendring) aus dem Volk – pastoral üppig gekleidet – sowie Liss (Manuel Anastasi) und Margarete (Rainer Wittig) aus der Hautevolée (tuntig elegant), die sich mit List und kölschem Humor gegen die preußische Obrigkeit durchsetzen und das, was heute der Rosenmontagszug mit Millionen Zuschauern ist, als eine Aktion präsentierten, um den Karneval zum Gefallen der Preußen in angeblich geordnete Bahnen zu lenken.

Insgesamt 27 Musiknummern, Kölsches Liedgut, Mozart, Tschaikowksy, Lortzing, intelligent arrangiert und neu textiert, natürlich alles „op kölsch“, dazu Ballettnummern, komödiantische Szenen (eine Sitzung des preußischen Kabinetts von König Friedrich Wilhelm III. mit gelungenen Assoziationen zur Ampelregierung), das alles ist das Divertissementchen. Ein großer Spaß für alle Kölner Jecken und solche, die es noch werden möchten, denn in der Pause mischen sich Darsteller unter das nicht minder bunt kostümierte Publikum, so als würde es unablässig weitergehen.

De Drüje Schwämm vun 1808

De Drüje Schwämm vun 1808

Apropos 1823. Es gibt noch eine Truppe, die angeblich noch älter ist. Die „Drüje Schwämm vun 1808“, als die Franzosen in Köln waren, heute ein Freundeskreis, der, wie seinerzeit die Stunksitzung, dem Unbehagen gegen erstarrten Traditionalismus Ausdruck verlieh, sich gewitzterweise mit einer erdachten Tradition ausstattete und ohne eine Festordnendes Komitee dem alternativen Karneval eine besondere Note gibt, so wie seinerzeit Änni und Stina.

Premiere: 20.01.2023, besuchte Vorstellung: 07.02.2023, noch bis zum 21.02.2023
Im WDR Fernsehen am 18.02.2023, 11:00 Uhr

Besetzung:
rund 100 Darsteller, Sänger und Tänzer der Spielgemeinschaft „Cäcilia Wolkenburg“ im Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV)

Bergische Symphoniker
Westwood Slickers

Regie & Buch: Lajos Wenzel
Musik & Arrangements: Thomas Guthoff
Musikalische Leitung: Christopher Brauckmann, Steffen Müller-Gabriel
Bühne: Tom Grasshof
Kostüme Judith Peter:
Choreografie: Katrin Bachmann, Jens Hermes-Cédileau
Licht Andreas Grüter