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08.11.2019 – Johann Christian Bach, „Zanaida“ in Mainz

Hege Gustava Tjønn (Roselane), Dorin Rahardja (Osira) in: „Zanaida“ von Johann Christian Bach am Staatstheater Mainz

08.11.2019 – Johann Christian Bach, „Zanaida“ in Mainz

Die Numidier, so werden in Mainz die Bewohner eines Phantasieplaneten genannt, tragen Hörner: König Tamasse gekrümmte, verwachsene, seine Mutter Roselane dagegen überdimensional ausladende. Dazu tragen sie prachtvolle Glitzerkostüme. So drückt sich schon in den Kostümen von Madis Nurms aus, von welchem Schlag sie sind: triebhafte, machtbesessene Wesen. Ganz anders dagegen die Punianer, die gekommen sind, um Frieden zu schließen zwischen den verfeindeten Planeten und die Prinzessin Zanaida als Unterpfand und Braut mitgebracht haben, begleitet von Frauen in weißen, züchtigen Schwesterngewändern. Sie sehen bis auf ihr drittes Auge auf der Stirn aus wie humane Wesen. Zu dieser Truppe gehört auch der Schauspieler David Bennent, der das Stück immer wieder unterbricht und Texte von Krieg und Todeserfahrung vor dem Vorhang so spricht, dass sie nahe gehen. Das ist das Arrangement der Oper „Zanaida“ von Johann Christian Bach, ein Stück aus dem Jahr 1763, das vor einigen Jahren wiederentdeckt wurde und am Staatstheater Mainz seine dritte Aufführung überhaupt erlebte.

Ein Bühnenbild gibt es praktisch nicht, nur in der Vertikalen bewegliche Ebenen und Requisiten, die dadurch umso sinnfälliger wirken: ein wackeliger Thron des labilen pubertären König Tamasse, der Rahmen eines Spiegels, der den Personen Momente der Selbstvergewisserung bietet, eine monströse Guillotine, eine Art Raumfähre, auf der die tugendhafte Zanaida strahlenumkränzt in die Höhe gehoben wird. Oder eine Flamingoherde durch die die Numidier und die Punianer zum politischen Schlagabtausch stolzieren.

Regie führt dabei der Schauspieler Max Hopp. Er zeichnet eine Stimmung, die von Tragik und Komik handelt und trifft dabei den Nerv des Stücks. Komisch ist ja durchaus, wie die Personen in ihrer Exaltiertheit agieren und tragisch, dass König Tamasse die Friedensbraut verschmäht und sie hinrichten will. Max Hopp zeigt ein geradliniges Theater: ein Streit ist ein echter Streit, wenn Mustafa, der Anführer der Punianer seine Tochter Osira, die sich von Tamasse umgarnen lässt, fast körperlich angreift, sie aber, als er sie zu Tode verwünscht, in die Arme nimmt. Ganz anders König Tamasse, der mal kriecht oder sich in Posen setzt, die Brust schwellt oder von Zweifeln zerfurcht wird. Alles sieht man dem Countertenor Alin Deleanu an und hört es auch, so als ob sein körperliches Spiel sich auf die Stimme gelegt hätte.

Normalerweise ist Vorsicht geboten, wenn italienische Opern wie diese ins Deutsche übertragen werden. Und in der Tat klingt es merkwürdig, die Koloraturen, die Melodiebögen und die Skalenläufe mit deutschem Text zu hören. Aber die Songwriterin Doris Decker hat es geschafft, einen poetischen, reimenden Dichterton mit moderner Verständlichkeit zu verbinden. Mustafa singt von „Schmach, Schuld und Schande“, Roselane phantasiert von „einem kleinen Mord“ und Osira erklärt Cisseo, der sie anbetet: „Verschaff‘ Dir ein Königreich, dann werde ich Dir treu sein“.

Philipp Mathmann spielt diesen Cisseo anrührend wie ein schüchterner, verträumter Stan Laurel, der aber gegenüber als seiner besessenen Mutter und seinem getriebenen Königsbruder Tamasse geradezu lebensklug wirkt. Singen kann er nicht, er hat seine Stimme wegen einer Halsentzündung verloren, kein Regieeinfall, obwohl es fast so wirken könnte. Er wird von der Seite gedoubelt, in den Rezitativen vom musikalischen Einstudierer Paul-Johannes Kirschner und in den Arien von dem Countertenor Zvi Emanuel-Marial, der die Arien stupend von Blatt singt.

Für die Musik ist Adam Benzwi zuständig, der normalerweise an der Komischen Oper Berlin Operetten dirigiert und im Jazz zu Hause ist. Für die Rezitative hat er sich ausgedacht, dass man diese hin und wieder auch vom Chor singen lassen könnte, wenn die arme Zanaida zu bedauern ist. Manchmal singt der Mädchenchor auch eine zweite Stimme zu ihren Arien. Des weiteren hat Benzwi, als König Tamasse von Visionen geplagt wird, schräge filmmusikalische Sounds dazu gesetzt und ist an anderer Stelle auf die Idee gekommen, den Mädchenchor ein Stück von Hildegard von Bingen singen zu lassen, als kontemplative Unterbrechung wie David Bennents Monologe.

Gesungen wird auf recht hohem Niveau mit Nähe zu den Standards der historischen Aufführungspraxis, denn die Oper „Zanaide“ ist dem barocken Belcanto noch näher als Mozart, als dessen Vorläufer Johann Christian Bach immer gepriesen wird. Ein echtes Problem der Aufführung war aber der Orchesterklang. Da mischte sich nichts, da artikulierten die Holzbläser ganz anders als die Sänger, und die Rezitative, die Adam Benzwi am Konzertflügel spielte, klangen einfach nur scheußlich.

Premiere: 07.11.2019 noch bis zum 12.02.2020

Besetzung:
Zanaida: Alexandra Samouilidou
Roselane: Hege Gustava Tjønn
Mustafá: Brett Carter
Tamasse: Alin Deleanu
Osira: Dorin Rahardja
Cisseo: Philipp Mathmann / Zvi Emanuel-Marial / Paul-Johannes Kirschner
Gianguir: David Bennent
Tänzerin: Ageliki Gouvi
Tänzer: Yuya Fujinami

Mädchenchor am Dom und St. Quintin
Philharmonisches Staatsorchester Main

Musikalische Leitung: Adam Benzwi
Inszenierung: Max Hopp
Ausstattung: Madis Nurms
Licht: René Zensen
Choreografie Martina Borroni
Video: Christoph Schödel
Choreinstudierung: Jutta Hörl und Michael Kaltenbach
Dramaturgie: Christin Hagemann

Stand: 08.11.2019, 12:25