Scott Hendricks (Alberich), Gábor Bretz (Wotan), Nicky Spence (Loge)

25.10.2023 – Wagner, „Das Rheingold“ in Brüssel

Stand: 25.10.2023, 09:30 Uhr

Romeo Castellucci betreibt ein assoziatives Theater. Seine Szenerien gestaltet er mit starken, einprägsamen Bildern. Das war mit dem lebendigen, später geköpften Pferd in der Salzburger „Salome“ so, mit den Fleischbergen im Tempel der Venus im Münchner „Tannhäuser“, und das ist auch im „Rheingold“ so, mit dem in Brüssel ein neuer „Ring des Nibelungen“ begann unter der musikalischen Leitung des dortigen Generalmusikdirektors Alain Altinoglu.

Was diesmal in Erinnerung bleiben wird, ist das Martyrium des Alberich. Seine Verwandlung in eine Kröte ist eine Demaskierung. Der Darsteller Scott Hendricks hat seine Hauthülle abgestreift, steht nackt auf der Bühne, wird von Loge mit Schweröl besudelt, an einen übergroßen Stahlring gekettet, mechanisch nach oben gezerrt und unter Strom gesetzt. Wotan schaut regungslos zu. Er wird von Gábor Bretz in einer Art von Jugendlichkeit gesungen, ohne dabei ungestüm zu wirken, manchmal eher sogar etwas gleichgültig. Verständlich, dass Alberich angesichts solcher Pein seinen Fluch nur matt und kraftlos ausstößt, während Altinoglu ansonsten keine Gelegenheit auslässt, die Musik auftrumpfend, energisch, ja ungeduldig klingen, bisweilen sogar dröhnen zu lassen. Da war kein Raum für reflektierte musikalische Konversation, die er sich wohl für die anderen Ringteile aufbewahrt hat.

Einprägsam ist auch die zweite Szene von „Rheingold“, „Freie Gegend auf Bergeshöhen“ wie die Szenenanweisung bei Wagner lautet. Auf der weißen Bühne hängen und stehen antike Reliefs wie man sie bei den antiken Stätten in Eleusis findet. Castellucci hat hier wohl seinen Besuch am Ort der Mysterien in ein Bild gefasst. Es gibt auf der Bühne aber auch Reste christlicher Skulpturen und vielleicht auch römischer. Dann rollen sich halbnackte Menschen auf die Bühne, über die die hier noch schwarz gekleideten Götter behutsam staksen. Später begraben umgestürzte Reliefs Menschen unter sich, die sich wie gequälte Kreaturen zu befreien suchen oder sich mit ihrer Situation scheinbar abgefunden haben.

Assoziativ ist dann die Art, wie der Feuergott Loge in Castelluccis „Rheingold“ erscheint, nämlich als korpulenter Clown im burgunderfarbenen Bubenkostüm, den Nicky Spence in stupender Brillanz und Bühnenagilität spielt. Aus seiner Hand lodert eine Flamme. Wie ein Zauberer enthüllt er freilich gleich, dass dieses Feuer in einem künstlichen Arm brannte, der fortan als Requisite dient.

Solche und viele andere Bilder, etwa auch die Riesen, die mit den Monteurshosen und nackten Oberkörpern wie kraftstrotzende Zwillinge aussehen und so tun, als ob sie jede Silbe lippensynchron gemeinsam singen, solche Bilder gehen bei Castellucci immer über das rein Dekorative hinaus und entfalten oft eine Art von mythischer Kraft. Selbst noch die beiden Riesenkrokodile aus Plastik, wohl eine Vorahnung auf den Drachen in „Siegfried“.

Was man von Castellucci nicht erwarten darf, ist eine schauspielerisch szenische Umsetzung der Oper. Den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, hat er nicht und bekundete auch im Vorgespräch, dass es ihm keineswegs um eine Gesamtsicht auf den „Ring des Nibelungen“ als Zyklus gehe. Jeder Teil werde unabhängig von den anderen entstehen mit jeweils neuen Gedanken und Bildern. Und auch schon jede Szene im „Rheingold“, möchte man ergänzen.

Premiere: 24.10.2023, noch bis zum 09.11.2023.

Die anderen Teile des „Ring des Nibelungen“: „Die Walküre“: Januar 2024; „Siegfried“: September 2024; Götterdämmerung: Januar 2025

Besetzung:
Wotan: Gábor Bretz
Donner: Andrew Foster-Williams
Froh: Julian Hubbard
Loge: Nicky Spence
Fricka: Marie-Nicole Lemieux
Freia: Anett Frisch
Erda: Nora Gubisch
Alberich: Scott Hendricks
Mime: Peter Hoare
Fasolt; Ante Jerkunica
Fafner: Wilhelm Schwinghammer
Woglinde: Eleonore Marguerre
Wellgunde: Jelena Kordić
Flosshilde: Christel Loetzsch

Symphonie-Orchester La Monnaie

Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Romeo Castellucci
Dramaturgie: Christian Longchamp
Künstlerische Mitarbeit, Mitarbeit Bühne, Kostüme und Licht: Maxi Menja Lehmann, Paola Villani, Clara Rosina Straßer, Benedikt Zehm
Choreographie: Cindy van Acker