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Daniel Frank (Parsifal), im Hintergrund: Sarah Ferede (Kundry), Hans-Peter König (Gurnemanz)

16.10.2023 – Wagner, "Parsifal" in Düsseldorf an der Deutschen Oper am Rhein

Stand: 16.10.2023, 09:30 Uhr

Erlösung dem Erlöser: Diese rätselhafte Formel am Ende von "Parsifal" wird manchmal so gedeutet, dass der die Menschheit erlösende Heiland selbst der Erlösung bedarf, weil seine sich im Gral manifestierende Tat durch den Sündenfall der Ritter keine Wirkung entfalten kann, bis der Befreier Parsifal kommt. Michael Thalheimer bietet in seiner Neuinszenierung an der Düsseldorfer Oper eine andere Version an.

Hier ist der Spruch eine offene Forderung, gerichtet auf den scheinbaren "Erlöser" Parsifal, der mit der ihm aufgetragenen Mission deutlich überfordert ist. Es sagt zwar im 3. Aufzug, dass er Irrfahrten hinter sich gebracht habe, aber er scheint nicht bereit, wie Gurnemanz ergriffen singt, nun als König empfangen werden zu können. In Thalheimers Inszenierung stützt sich Parsifal matt und kraftlos auf den Speer, den er von Klingsor errungen hat und lässt das ganze Zeremoniell wie traumatisiert über sich ergehen.

Dabei singt Daniel Frank seine Rolle durchaus mit einer gesund klingenden, kernigen Stimme, wobei er nur in ganz wenigen Ausrufen wie "Und ich, ich bin's, der all dies Elend schuf!" sich zu heldenhafter Emphase aufschwingt, während er sonst weiß geschminkt mit rot gezeichneten Lippen wie ein trauriger Clown aussieht.

Rot ist auch die Leitfarbe auf Henrik Ahrs kargem Bühnenbild und der Kostüme, in die Michaela Barth die Ritter gesteckt hat. Die Wände sehen aus wie Installationen von Hermann Nitsch, und die Menschen sind blutbesudelt. Während der langen Erzählungen des Gurnemanz, die Hans-Peter König auf zwei Krücken umherwandelnd gleichbleibend stoisch, aber überaus textverständlich und niemals in irgendeine Art von Stimmmattigkeit geratend, vorträgt, kleben die Ritter wie skulpturale Objekte an der verschmierten Rückwand, in deren senkrechtem, engen Schlitz, der vielleicht den Balken eines Kreuzes andeutet, Amfortas, später Klingsor und auch Kundry ihre Auftritte haben.

Außer diesen Wänden, die im 2. Aufzug dunkelblaugrau eingefärbt sind, ist auf der Bühne nichts vorhanden. Umsomehr sind die Darsteller gefragt. Joachim Goltz als stimmlich überaus präsenter Klingsor wirkt wie ein schlauer Besessener. Er scheint der Einzige, der überhaupt noch über Energien verfügt. Dagegen wirkt das Verführungswerk der Kundry, wie es Sarah Ferede im roten Businessoutfit vorführt, etwas beiläufig. Das, was sie mit großem Ton flehentlich vorträgt, etwa bei "Mitleid mit mir! Nur eine Stunde mein!" findet auf der Bühne keine Entsprechung. Sie und Parsifal stehen jeweils an den Bühnenrändern und nehmen kaum Notiz voneinander.

Michael Nagy als Amfortas agiert als Einziger mehr oder weniger in dem klassischen Rollenprofil des sündigen Schmerzensmannes, der sich den Tod wünscht.

Gegenüber der Trostlosigkeit und Hinfälligkeit, die Thalheimer auf der Bühne ausbreitet, hebt sich die von GMD Axel Kober geleitete Musik ab. Die Verwandlungsmusik am Schluss klingt, als ob Höllentore geöffnet werden, und schon im Vorspiel werden die Motive mit Gewicht und Prägnanz wie Steinquader in den Klangraum gesetzt. Bei Kober agieren die Sänger nicht über einem unspezifischen Klangband, sondern im Orchester wird gearbeitet und die Partitur mit einer selten zu hörenden Deutlichkeit realisiert. Der Beifall gab ihm Recht und aus dem Zuschauerrum rief jemand "Kober for Bayreuth", was ja schon längst der Fall ist.

Besuchte Vorstellung: 15.10.2023, Premiere am 17.09.2023, noch am 21.10.2023, 29.03. und 07.04.2024 (Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Genève)

Besetzung:
Parsifal: Daniel Frank
Gurnemanz: Hans-Peter König
Kundry: Sarah Ferede
Amfortas: Michael Nagy
Klingsor: Joachim Goltz
Titurel: Luke Stoker
Gralsritter: Andrés Sulbarán, Žilvinas Miškinis
Knappe: Bogdana Bevziuk, Verena Kronbichler, Nils Sandberg, Johannes Preißinger
Blumenmädchen: Elena Sancho Pereg, Mara Guseynova, Alexandra Yangel, Lavinia Dames, Anke Krabbe, Anna Harvey
Stimme aus der Höhe: Anna Harvey

Chor und Extra-Herrenchor der Deutschen Oper am Rhein
Düsseldorfer Symphoniker

Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Michael Thalheimer
Bühne: Henrik Ahr
Kostüme: Michaela Barth
Licht: Stefan Bollinger
Chor: Gerhard Michalski
Dramaturgie: Bettina Auer, Anna Grundmeier