HDP Co-Vorstzender Selahattin Demirtas

Erdoğan-Rivale aus der Haft: "Ich bitte nicht um Vergebung, ich klage an"

Stand: 25.01.2023, 06:00 Uhr

Der kurdische Politiker und Menschenrechtsanwalt Selahattin Demirtaş sitzt seit sechs Jahren in der Türkei im Gefängnis. Jetzt hat er ein ungewöhnliches Interview gegeben. Die Idee dazu hatte COSMO-Reporterin Fulya Cansen.

Selahattin Demirtaş ist der kurdische Oppositionspolitiker, der 2014 in der Türkei als Präsidentschaftskandidat gegen Erdoğan antrat. Zwei Jahre später wurde der frühere Chef der pro-kurdischen HDP verhaftet. Der Vorwurf: terroristische Aktivitäten. Der Gerichtshof für Menschenrechte forderte hingegen seine Freilassung. Die Haft sei politisch motiviert, urteilte das Gericht in Straßburg bereits 2018. Doch 2021 begann in der Türkei der Prozess gegen ihn. Ihm droht eine Strafe von 142 Jahren.

Seit über sechs Jahren sitzt Demirtas im türkischen Gefängnis. Und nun stehen im Mai in der Türkei wieder Wahlen an. Und es soll auch Kandidaten geben, die gegen den amtierenden Präsidenten antreten wollen.

Interview aus dem Gefängnis - Fragen an Selahattin Demirtaş

09:28 Min. Verfügbar bis 30.01.2024

Jahrelanges Warten auf ein Interview

Drei Jahre lang versuchte die WDR-Journalistin Fulya Canşen, die bei Cosmo, dem internationalen Hörfunkprogramm des Westdeutschen Rundfunks, eine kurdische und eine türkische Sendung betreut, ein Interview mit dem Inhaftierten zu bekommen. Jetzt hat es geklappt.

Ihre Idee: Sie hat prominente Vertreter in Deutschland und Türkeikenner gebeten, Fragen in einer Videobotschaft zu formulieren und sie Demirtaş - über seine Anwälte - zukommen lassen. Unter den Fragestellern waren die Schriftsteller Günter Wallraff, Navid Kermani und Can Dündar, der Filmemacher Fatih Akın und die Journalistin Dunja Hayali.

Wir haben einige der Fragen und Antworten zusammen gefasst.

Der Journalist Günter Wallraff im Portrait.

Journalist Günter Wallraff

Günter Wallraff, Schriftsteller und Journalist: Wie kann ein demokratisches Land aufgebaut werden, in dem Willkür, Menschenrechtsverletzungen und Staatsverbrechen an der Tagesordnung waren?

Selahattin Demirtaş: Es wird nicht einfach sein, die zukünftige Türkei neu zu gestalten. Verstehen Sie das bitte nicht als Eins-zu-eins-Analogie oder -Vergleich, aber wer hätte sich vorstellen können, dass sich das Deutschland der 1940 bis 1950er Jahre zu dem entwickeln würde, was es heute ist? Das hätten nur Verrückte behaupten können.

Navid Kermani

Schriftsteller Navid Kermani

Navid Kermani, Schriftsteller: Was kann die EU tun, damit sie den Freiheitskampf des türkischen Volkes unterstützt?

Selahattin Demirtaş: Wenn Sie etwas für mich, etwas für uns alle tun wollen, müssen Sie die Heuchelei Ihrer eigenen Regierungen herausstellen. Sie müssen Widerstand gegen deren Ausbeutungspolitik leisten. Entlarven Sie, wie einem autoritären Politiker wie Erdoğan bei jeder Gelegenheit die Hand geschüttelt wird, um über Flüchtlinge zu verhandeln. Sie können uns nicht retten und wir nicht Sie. Aber wir können gemeinsam kämpfen und uns gemeinsam retten. Es heißt also entweder gemeinsam oder gar nicht.

"Ich glaube nicht an Europa, sondern an die Völker, an politische Gruppen und Einzelpersonen, die in Europa Widerstand leisten." Selahattin Demirtaş
Regisseur Fatih Akın

Regisseur Fatih Akın

Fatih Akın, Regisseur: Wie können wir Rassisten überzeugen?

Selahattin Demirtaş: Die Sensibilisierung der Gesellschaft gegen Rassismus kann nicht nur durch Bildung erreicht werden. Wir brauchen eine uneingeschränkt demokratische Regierung, Transparenz und Rechenschaftsorientierung beim Staat sowie bei der Regierung, ein ideologiefreies Bildungswesen, ein gut funktionierendes Justizsystem, eine gerechte Einkommensverteilung, freie Medien und vor allem die Aufarbeitung der Vergangenheit. Andernfalls wird offener oder verdeckter Rassismus nicht von selbst verschwinden. Das ist es ja, wofür wir kämpfen.

"Rassismus ist ein Bewusstseinsproblem!" Selahattin Demirtaş
Journalist und Moderator Sven Lorig

Journalist und Moderator Sven Lorig

Sven Lorig, ARD-Moderator:  Wie geben Sie als zweifacher Vater Ihren Kindern Hoffnung, wenn sie Sie im Gefängnis besuchen?

Selahattin Demirtaş: Ich habe gehört, dass Sie morgens in ganz Deutschland Hoffnung und Freude verbreiten. Wie schaffen Sie das in dieser schrecklichen Welt inmitten von so viel Bösem? Ich bin mir sicher, dass es nicht einfach ist, denn ich versuche, dasselbe von meiner Gefängniszelle aus zu tun. Der Unterschied, dies auf dem Bildschirm oder aus der Zelle heraus zu machen ist:  Sie werden dafür bezahlt und ich werde bestraft. Ansonsten tun wir wohl dasselbe.  

"Ich bitte nicht um Vergebung für Verbrechen, die mir vorgeworfen werden. Im Gegenteil, ich klage an wie Emile Zola. So überlebe ich!" Selahattin Demirtaş
Journalist, Autor und Dokumentarfimer Can Dündar

Journalist, Autor und Dokumentarfimer Can Dündar

Can Dündar, Journalist im Exil: Bereiten Sie sich auf eine Post-Erdoğan-Türkei vor?

Selahattin Demirtaş: Ich bin sehr hoffnungsfroh, was die Zukunft angeht, und das ist keine vergebliche oder leere Hoffnung. Denn inmitten all dieser Verschmutzung gibt es immer noch Millionen von Menschen, die entschlossen Widerstand leisten, Kurden, Türken, Aleviten, Sunniten und vor allem junge Menschen und Frauen.

Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali

Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali

Dunja Hayali, Journalistin und Moderatorin: Wie ertragen Sie es, im Gefängnis zu sitzen, unschuldig, wie Sie sagen?

Selahattin Demirtaş: Ich behaupte nicht, dass ich unschuldig bin, ich weiß, dass ich unschuldig bin, nur die Anderen behaupten, ich sei schuldig. Das politische Klima in Istanbul und in der gesamten Türkei ändert sich. Es gibt mir die Hoffnung, dass wir eines Tages Gerechtigkeit erfahren werden? Ja, das ist unsere einzige Hoffnung. Und mit unserem Kampf hier tragen wir bereits dazu bei, die politische Atmosphäre im Lande zu verändern.

Schuldig zu sein, ist schlimmer als unschuldig im Gefängnis zu sitzen, weil man ein reines Gewissen hat. Selahattin Demirtaş
Journalistin Frederike Geerdink

Journalistin Frederike Geerdink

Frederike Geerdink, ehemalige Istanbul-Korrespondentin: Haben Sie im Gefängnis einen neuen Beruf erlernen können?

Selahattin Demirtaş: Mein ursprünglicher und erster Beruf war Klempner und ich bin immer noch gut darin. Dann wurde ich Anwalt, und im Gefängnis wurde ich auch ein bisschen zum Schriftsteller. Seit Kurzem spiele ich Geige. Als der Friseurladen im Gefängnis wegen der Pandemie geschlossen wurde, habe ich zwei Jahre lang gelernt, mir selbst und meinem Zellengenossen die Haare zu schneiden. Doch würde ich einen Laden eröffnen, wäre ich wohl mein einziger Kunde.

Journalist und Autor Hasnain Kazim

Journalist und Autor Hasnain Kazim

Hasnain Kazim, ehemaliger Istanbul-Korrespondent: Wie wird eigentlich das Ende von Erdoğan aussehen?

Selahattin Demirtaş: Erdoğan kam durch Wahlen an die Macht und wird durch Wahlen gehen, es gibt keine andere Möglichkeit.

Gor Yeranyan, Journalist: Betrachten Sie die Demokratisierung der Türkei, die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern, die individuellen Rechte und die Menschenrechte, den Kampf der Kurden und anderer Minderheiten für gleiche Rechte als getrennte Themen oder hängt das für Sie alles zusammen?

Selahattin Demirtaş: Die Menschenrechte sind immer eine Einheit, ebenso wie die Demokratie. Man kann die Menschenrechte nicht nach Einzelpersonen, Gruppen, Klassen, Geschlechtern, Identitäten oder nach geographischen Grenzen beurteilen, Es gelten auch keine Ausnahmen.

Menschenrechte gibt es entweder ganz oder gar nicht. Selahattin Demirtaş

Über das Thema berichtet am Mittwoch, 25.01.2023, auch WDR-Cosmo in der Sendung Cosmo Türkce.

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