Ein Luftreinigungsgerät steht in einem Klassenraum.

Energiesparen und Corona: Luftfilter oder dauerlüften?

Stand: 16.09.2022, 06:00 Uhr

Mobile Luftfilter in Klassenräumen werden vom Umweltbundesamt in Frage gestellt – wegen ihres Energieverbrauchs. Der WDR hat Kommunen dazu befragt. Viele sparen Energie lieber anders.

Von Martina Koch

In der Pandemie hat die Stadt Neukirchen-Vluyn mit mobilen Luftfiltern positive Erfahrungen gemacht. Die Kommune am Niederrhein hatte schon im Herbst 2020 alle städtischen Schulen und Kitas mit diesen Geräten ausgestattet. "Insbesondere war es somit auch vulnerablen Pädagogen möglich, in Präsenz zu unterrichten", schreibt die Stadt dem WDR.

Ansteckungsketten in Klassen hätten verhindert werden können. Eine Grundschulleiterin berichtet, dass nicht einmal die Hälfte der Lehrkräfte an ihrer Schule bisher an Corona erkrankt sei. Das sind Erfahrungen, wissenschaftlich untersucht wurde es bisher nicht. Neukirchen-Vluyn lässt die mobilen Luftfilter auch im kommenden Herbst und Winter weiterlaufen.

Umweltbundesamt gegen flächendeckenden Einsatz mobiler Luftfilter

Das Umweltbundesamt setzt dagegen vor allem auf richtiges Lüften in den Klassenzimmern. Lüften transportiere Viren in der Luft effektiv ab und sorge zudem für frische Luft, heißt es.

Fassade des Umweltbundesamtes

Umweltbundesamt in Dessau

Mobile Luftfilter sollten dort eingesetzt werden, wo sie benötigt werden. Und Direktor Heinz-Jörn Moriske warnte, dass die Geräte nicht unerhebliche Mengen an Strom verbrauchen. Auf Nachfrage des WDR erklärt ein Sprecher allerdings, dem Umweltbundesamt lägen zu den Stromverbräuchen keine Daten vor.

Wie viel Energie verbrauchen mobile Luftfilter eigentlich?

Eine Stichprobe unter einigen Kommunen, die mobile Luftfilter angeschafft haben, zeigt, dass dort der Stromverbrauch der Geräte nicht als Problem betrachtet wird. Sankt Augustin hat bei 15 Geräten nur eine "marginale Kostensteigerung" festgestellt.

Hückelhoven kommt bei 50 Luftfiltern auf zusätzliche Stromkosten von 5.000 Euro im Jahr. Für die Stadt mache es gerade in diesem Winter mehr Sinn, die Luftfiltergeräte zur Pandemieverhütung zu nutzen, als alle 20 Minuten eine Stoßlüftung vorzunehmen. "Die Heizkosten dürften in diesem Fall wesentlich höher liegen, da die Heizungen dann alle 20 Minuten wieder hochfahren müssen, um die vorherige Raumtemperatur zu erreichen", schreibt die Stadtverwaltung dem WDR.

Geräte laufen nur während der Unterrichtszeit

Luftfilter an einer Schule in Neukirchen-Vluyn

Pestalozzi-Schule Neukirchen-Vluyn

In den meisten Kommunen laufen die Geräte zwischen sechs und acht Stunden am Tag. Neukirchen-Vluyn hat seine mobilen Luftfilter inzwischen mit Zeitschaltern versehen.Um eine ausreichende Luftreinigung eines Klassenraums zu gewährleisten, sei ein Stromverbrauch von 55 Watt pro Stunde erforderlich. "Vor dem Hintergrund der weiter andauernden Pandemie ist davon auszugehen, dass eine dauerhafte Lüftung nicht wirtschaftlicher wäre", so die Stadt zum WDR.

Nur die Stadt Münster schreibt, dass über den Umgang mit den Filtergeräten noch diskutiert werde. Die Herstellerfirma Trox vergleicht den Stromverbrauch mit dem einer 100 Watt-Glühlampe.

CDU und Grüne in Issum fordern Luftfilter für Grundschulen

Alle 20 Minuten müssen zwei bis drei Minuten lang die Fenster der Klassenräume geöffnet werden - so die Vorgabe der Landesregierung. Das sei energetisch und ökologisch, aber auch ökonomisch eine Vorgabe mit Folgen, heißt es im Antrag der Grünen im niederrheinischen Issum. Die Praxis des letzten Winters habe gezeigt, dass dauerhaftes Lüften bei voller Heizungsleistung nötig sei, da bei geschlossenen Fenstern in den Klassenräumen nach bereits drei Minuten die CO2-Melder angeschlagen hätten, argumentiert die CDU.

Durch mobile Luftfilter müsste nicht mehr dauerhaft gelüftet werden. Es ließe sich Gas für die Heizung einsparen. Der Stadtrat will Ende des Monats entscheiden.

Auch im Landtag laufen weiter mobile Luftfilter

Luftfilter in Schulen

Luftfilter im Landtag

Im Düsseldorfer Landtag stehen in den Fluren weiterhin einige mobile Luftfilter und laufen den ganzen Tag. Den Stromverbrauch oder die Energiekosten explizit auszuweisen, sei nicht möglich, da sie an das allgemeine Stromnetz des Landtags angeschlossen seien, so der Sprecher Stephan Malessa auf WDR-Anfrage. Auf der Webseite der Hersteller-Firma Trotec wird der Stromverbrauch der Luftfilter im Vergleich zu Bürokopiergeräten oder Farblaserdruckern "als durchaus moderat" bezeichnet.  Der Landtag verzichtet als Energieeinsparmaßnahme jetzt auf Kühlung der Sitzungssäle zum Beispiel. Die Luftfilter laufen weiter.

Temperatur in Schulen – Kommunen warten auf Vorgabe vom Land

Von den aktuellen Energiespar-Vorgaben des Bundes sind Schulen und Kitas ausgenommen. Deshalb richten sich viele Kommunen nach den Arbeitsschutzregelungen und werden die Klassenzimmer auf mindestens 20 Grad heizen. Das Schulgesetz des Landes legt die Entscheidung in die Hand der Schulträger, also der Städte und Gemeinden. Aktuell warten aber einige, wie etwa Lemgo, auf eine Vorgabe des Landes. Doch die sei nicht vorgesehen, teilt das Schulministerium mit.

Eltern fordern kältefrei

Die Vorsitzende der Landeselternschaft der integrierten Schulen NRW, Stephie Helder-Notzon, fordert: "Wir brauchen klare Regeln ab welcher Temperatur über einen gewissen Zeitraum in konkreten Klassenräumen der Unterricht untersagt wird." Im letzten Jahr habe es Schulen gegeben, in denen durch das Lüften die Temperatur im Klassenzimmer unter 10 Grad gefallen sei.

Schulstart mit Omikron - Wie geht NRW damit um?

Westpol 16.01.2022 22:33 Min. UT DGS Verfügbar bis 16.01.2023 WDR

Über das Thema berichtet der WDR auch in der Sendung "Westblick", WDR 5 am 15.9.2022, ab 17:05 Uhr.