Steinkohle-Abschied gerät zum Appell an die Demokratie

Steinkohle-Abschied gerät zum Appell an die Demokratie

Von Nina Magoley

  • Festakt im Landtag NRW zum Ende der Steinkohle
  • Redner erinnerten eindringlich an die "Tugenden" der Kumpel
  • Letzte Zeche im Ruhrgebiet schließt Ende des Jahres

Es hätte durchaus einer dieser staatlichen Festakte werden können, deren Reden aus Worthülsen bestehen, die schnell verhallen. Doch in Zeiten massiver gesellschaftlicher Turbulenzen geriet der deutsche Abschied von der Steinkohle am Mittwoch (12.09.2018) im Düsseldorfer Landtag zu einem durchaus bewegenden Ereignis.

Zusammenhalt der Bergleute als Vorbild

Das lag vor allem an dem einen, starken Tenor, der sich wie ein roter Faden durch die Reden von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), seinem saarländischen Amtskollegen Tobias Hans (CDU) und dem IG-Bergbau-Chef Michael Vassiliadis zog: der Appell, sich die "Tugenden der Bergleute" zum gesellschaftlichen Vorbild zu nehmen.

Beschworen wurde immer wieder der feste Zusammenhalt, der unter Tage überlebenswichtig war - völlig unabhängig von Herkunft oder Religion. "Es ging nicht um Religion, sondern darum, sich aufeinander verlassen zu können", sagte Laschet. Dieses "soziale Erbe" werde bleiben, auch wenn die Kohle gehe.

Emotionaler Abschied vom Steinkohlenbergbau

12.09.2018,Düsseldorf: Bergleute stehen in den Zuschauerrängen im Landtag. Mit einer Festveranstaltung gedachte der Landtag dem deutschen Steinkohlebergbau.

Ungewohnter Anblick auf den Besucherrängen im nordrhein-westfälischen Landtag: 120 Kumpel beteiligten sich am Mittwoch (12.09.2018) am Festakt zum Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland.

Ungewohnter Anblick auf den Besucherrängen im nordrhein-westfälischen Landtag: 120 Kumpel beteiligten sich am Mittwoch (12.09.2018) am Festakt zum Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland.

Im Plenum standen Grubenlampen, der Ruhrkohle-Chor sang noch einmal traditionelle Lieder und die Politik würdigte die Verdienste der Bergleute.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) erklärte, unter Tage sei es nicht darauf angekommen, welche Religion man hatte. "Keiner hat gefragt: Gehört der Islam zu Deutschland? Sondern: Kann ich mich auf dich verlassen?". Der Steinkohlebergbau habe entscheidende Impulse für die Demokratie gegeben und zur europäischen Integration beigetragen.

Auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) dankte Hunderttausenden Kumpel, die mit der Kohleförderung zur wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik beigetragen hätten. Außerdem wurde der Opfer gedacht, die der Bergbau gefordert hat.

Hans bezeichnete das Auslaufen des Bergbaus nach rund 250 Jahren als eine historische Zäsur. Die sozialverträgliche Gestaltung des Bergbau-Ausstiegs gebe den Kumpel nun wenigstens Sicherheit. Hans würdigte besonders die Ibbenbürener. Nach dem Bergbau-Ende 2012 im Saarland waren bis zu 800 saarländische Kumpel zur Zeche Ibbenbüren gewechselt.

Trotzdem trauerten viele der Zeit hinterher. "Das tut schon ein bischen weh", sagte ein 53-Jähriger Kumpel später. "Das kann man nicht einfach so wegstecken."

Dass ihn die Reden der Politiker so bewegen würden, damit habe er nicht gerechnet, sagte auch Bergmann Heiko Bess. Er ist einer der letzten, die noch täglich auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop einfahren. Wenn hier am 21. Dezember die letzte Schicht endet, geht die 250-jährige Ära des Steinkohlenabbaus in Deutschland endgültig zuende.

"Die Lobeshymnen nahmen ja kein Ende", freute sich Detlef Stab (Mitte), ehemaliger Steiger auf der Zeche Sophia Jacoba in Hückelhoven. Und dann, mit der typischen Bescheidenheit der Kumpel: "Eine hätte auch gereicht."

Zu Hochzeiten in den 1960er-Jahren arbeiteten in den Zechen des Ruhrgebiets rund 600.000 Menschen. Aktuell sind es noch etwa 5.000.

Bereits 2007 hatte der Bundestag den Ausstieg aus der Steinkohle festgeschrieben. Grund war die fehlende Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der deutlich billigeren Importkohle. Gut eine Milliarde Euro Kohlesubventionen pro Jahr fielen zuletzt an. Ende des Jahres schließen die letzten beiden deutschen Zechen in Bottrop und Ibbenbüren - Kohle wird dort aber schon seit einigen Wochen nicht mehr abgebaut.

"Ganz besonderen Dank" richtete Laschet an die vielen damals sogenannten Gastarbeiter, die auf Einladung der deutschen Regierung ins Ruhrgebiet kamen und unter harten Arbeitsbedingungen den deutschen Aufschwung mit möglich machten. Denn die Steinkohle, so Laschet, sei "der Brennstoff für das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik" gewesen.

"Christliche Traditionen"

12.09.2018, Düsseldorf: Ministerpräsident des Saarlands, Tobias Hans (CDU) spricht im nordrhein-westfälischen Landtag.

Ministerpräsident des Saarlands Tobias Hans

Der saarländische Ministerpräsident beschrieb das Bild des "aufrechten Bergmanns", der niemals "national oder ausgrenzend, sondern integrativ gedacht" habe. "Christliche Traditionen" hätten unter Tage eine Gesellschaft entstehen lassen, die "für uns verpflichtend" sei.

Nicht zufällig fiel Hans' Blick dabei auf die Reihen der AfD-Mitglieder im Landtag, die sich - auch bei den anderen Rednern - meist nicht am Applaus für diese "Tugenden" der Bergleute beteiligten.

Muttermilch für die Demokratie

IG Bergbau-Chef Michael Vassiliadis nannte die Haltung der Bergleute "Muttermilch" für eine soziale Marktwirtschaft und demokratische Gesellschaft. Es schmerze manchen Bergmann, wie in diesen Tagen das Vertrauen in die Demokratie "unter Druck" gerate.

Beim abschließenden Steiger-Lied, das der Ruhrkohle-Chor gemeinsam mit den Kinderchören von WDR und der Dortmunder Oper am Ende sang, erhoben sich sämtliche Gäste und Abgeordnete von den Sitzen. Und da standen nicht nur manchem der geladenen 120 Bergleute Tränen in den Augen.

Wie der Bergbau ins Ruhrgebiet kam

WDR 5 Westblick - Serien | 02.01.2018 | 05:38 Min.

Download

Stand: 12.09.2018, 16:30