08.02.2022, Nordrhein-Westfalen, Lüdenscheid: Unter der maroden A45-Brücke Rahmede, die gesprengt werden muss, befindet sich ein Haus

Kommentar: Diese Verkehrspolitik ist eine Bedrohung

Stand: 02.12.2022, 06:00 Uhr

Die Menschen vor Ort sprechen über die gesperrte Rahmedetalbrücke wie über eine Naturkatastrophe. Tatsächlich steckt jahrzehntelanges, ignorantes Regierungshandeln dahinter, kommentiert unser Autor.

Von Tobias Zacher

Die Menschen vor Ort sprechen von einem Unglück, das einer Naturkatastrophe gleicht. Und ich kann sie gut verstehen. Nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner in Lüdenscheid - 1,5 Millionen Südwestfalinnen und Südwestfalen leiden darunter, dass die Lebensader ihrer Infrastruktur zerschnitten ist.

Seit einem Jahr geht bei Lüdenscheid auf der so wichtigen A45 nichts mehr.

Neid auf die Bauleistung von Genua

Beim Blick auf die Bauleistung von Genua können wir hier in NRW nur neidisch werden: Da stürzte 2018 die Morandi-Brücke ein. Ein Jahr danach wurde sie gesprengt, und nochmal ein Jahr später war der Ersatzneubau fertig.

Tobias Zacher

Tobias Zacher

Davon können die Menschen in Lüdenscheid nur träumen: Hier spricht man von fünf Jahren - wenn alles gut geht.

Ja, in Genua wurden erhebliche rechtliche Zugeständnisse gemacht. Und die will man in Deutschland eben nicht machen. Vielleicht sogar aus gutem Grund.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Politik in Deutschland unsere Infrastruktur sehenden Auges zu Grunde richtet. Und dass sie die Bedürfnisse der Betroffenen nicht ernst genug nimmt.

Doppelt so viel Verkehr - und die Politik schaut zu

Die Rahmedetalbrücke wurde in den 60er Jahren geplant für täglich 23.000 Fahrzeuge. Am Ende fuhren fast doppelt so viele über die Brücke, darunter 13.000 LKW, jeden Tag.

Dass der Transportverkehr auf den Autobahnen so rasant zugenommen hat, ist kein Naturgesetz, sondern politisch bedingt.

Gleichzeitig hat man gewusst, wie stark das die Brücken belastet - und jahrzehntelang nichts getan.

Das ist erst der Anfang

Fachleute gehen davon aus, dass rund jede dritte Brücke in NRW sanierungsbedürftig ist. Die Rheinbrücke bei Duisburg, die Rheinbrücke bei Leverkusen, die Rahmedetalbrücke – sie sind nur der Anfang. Jeden Tag kann die nächste Lebensader gesperrt werden – für den Schwerlastverkehr oder gleich ganz.

Das alles ist Ergebnis eines jahrzehntelang ignoranten Regierungshandelns, das Transportverkehr auf der Schiene nie wirklich gewollt hat. Und das Brückensanierungen immer wieder aufschob, am besten in die nächste Legislaturperiode. Damit der Haushalt stimmt.

Nein, die Tragödie von Lüdenscheid ist keine Naturkatastrophe. Sie ist Politik, die sich jetzt rächt.

Und diese Politik ist eine Bedrohung für die Menschen in NRW: Rahmedetal - das könnte schon morgen überall sein.

Die Rahmedetalbrücke und das NRW-Mobilitätsdebakel

WDR RheinBlick 02.12.2022 29:57 Min. Verfügbar bis 02.12.2023 WDR Online


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