Bei einer Schweigeaktion für die «Kinder von Lügde» stehen Kinderschuhe auf dem Boden

WDR-Umfrage: Jugendämter in NRW sind am Limit

Stand: 13.11.2022, 06:00 Uhr

Corona, immer mehr Fälle, zu wenige Mitarbeiter - die Jugendämter in NRW ächzen unter der Belastung. Eine Umfrage des WDR-Magazins Westpol hat ergeben: freie Stellen sind kaum zu besetzen.

Von Torsten Reschke

Lügde, Münster, jetzt Attendorn - die Orte stehen nicht nur für fürchterliche Fälle von Missbrauch und Kindeswohlgefährdung. Auch die Arbeit der Jugendämter geriet in diesem Zusammenhang immer wieder in den Fokus. Eine Umfrage des landespolitischen Magazins Westpol unter allen 186 Jugendämtern des Landes zeigt: viele haben offenbar seit Jahren Schwierigkeiten, freie Stellen zu besetzen.

So meldet zum Beispiel Düsseldorf, dass 19 Prozent der Stellen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) vakant sind. Das ist der Teil des Jugendamts, der sich um Hilfe für Familien mit sozialen Problemen und Kindeswohlgefährdungen kümmert. In Krefeld sind 24 Prozent, in Herdecke sogar 30 Prozent der Stellen unbesetzt.

Pandemie führt zu Mehrbelastung

Für die Mitarbeiter führt das zu erheblichen Belastungen. Zwar hat NRW seit dem 1. Juni ein neues Kinderschutzgesetz, aber das sieht keine Obergrenze für die Fälle vor, die von den Sozialarbeitern bearbeitet werden müssen. Während der Pandemie gab es für einige im Homeoffice weder Handy noch Laptop noch Zugriff auf Akten. Gleichzeitig nahmen aber auch die Konflikte in den Familien zu, die ein Eingreifen erforderlich gemacht hätten, berichten uns Mitarbeiter des ASD. Gerade Berufsanfänger seien durch ihr Studium nur unzureichend auf das Thema Kindeswohlgefährdung vorbereitet, sagt Kathinka Beckmann, die an der Hochschule Koblenz eine Professur für Kinderschutz hat.

Viele Stellen unbesetzt

Bürgermeister fordern Hilfe von Bund und Land

Josefine Paul (Grüne), NRW-Familienministerin

NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne) hat jetzt angekündigt, eine Fachkräfteoffensive zu starten. Zwar haben viele Kommunen inzwischen mehr Stellen als vor der Pandemie eingerichtet, aber gleichzeitig gibt es eine große Fluktuation. So sind zum Beispiel in Duisburg 51 Mitarbeitende des Allgemeinen Sozialen Dienstes innerhalb dieses Jahres ausgeschieden. Zusätzlich wurden 16 Stellen neu geschaffen. Aktuell sind 30 Stellen nicht besetzt.

Kein Wunder, erzählt die erfahrene Sozialpädagogin Gudrun Schiming, die seit 32 Jahren im Jugendamt Kamen tätig ist. Der Aufwand werde immer höher, der Umgangston mit den Klienten rauer. Und auch das Risiko ist groß: Besonders dramatische Fällen von Missbrauch könnten schnell dazu führen, dass die Mitarbeiter des Jugendamts persönlich zur Rechenschaft gezogen würden.

Unattraktive Bezahlung

Das Jugendamt des Kreises Euskirchen hat an diesem Wochenende zu einem offenen Kaffeetrinken eingeladen, um mögliche Bewerber anzulocken. Finanzielle Anreize können die Kommunen dagegen kaum bieten. Viele stecken in der Haushaltssicherung und dürfen keine attraktive Bezahlung anbieten.

Immer mehr Aufgaben, geringes Gehalt, wenig Nachwuchs: Im Ergebnis führe das zu einer strukturellen Überlastung der Jugendämter, sagt Bruno Hastrich. Sein Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung hat in NRW rund 50 Jugendämter untersucht.

Unrealistische Erwartungen

In einem aktuellen Bericht zu einem Jugendamt im Münsterland heißt es: Notwendige fachliche Standards würden unterlaufen oder gestreckt, um die Anforderungen des Kindeswohls, den Erwartungsdruck Dritter und die Arbeitsfülle zu bewältigen. Das habe auch mit unrealistischen Anforderungen aus der Politik und einer Erweiterung der Aufgaben zu tun.

Dieser Befund konnte nur durch die Bewilligung zusätzlicher Stellen abgemildert werden. Viele Städte haben allerdings in der Westpol-Umfrage keine Angaben dazu gemacht, ob und in welcher Zeit die neuen Stellen besetzt werden konnten. Einige führten die zu große Belastung der Ämter als Grund dafür an, überhaupt nicht antworten zu können.

Eine der Empfehlungen, die der parlamentarische Untersuchungsausschuss zu den Missbrauchsfällen in Lügde ausgesprochen hatten, war die Einrichtung einer übergeordneten Fachaufsicht für die Jugendämter in Nordrhein-Westfalen. Nur dadurch ließen sich Verstöße gegen Mindeststandards und Überlastung erkennen. Doch dagegen haben sich die Kommunen gewehrt. Im neuen Kinderschutzgesetz wurde dieser Punkt nicht berücksichtigt. Somit besteht weiterhin das Risiko, dass Fälle wie Lügde, Münster und Attendorn sich wiederholen.

Über dieses Thema berichtet unter anderem die Sendung Westpol am 13.11.2022.

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