Corona und soziale Ungleichheit: Die doppelten Verlierer

Symbolbild Altersarmut: Seniorin holt wenige Euromünzen aus einem Geldbeutel

Corona und soziale Ungleichheit: Die doppelten Verlierer

Von Melisa Gürleyen

Die Schere zwischen Arm und Reich spreizt sich durch Corona noch weiter. Wer ohnehin schon weniger verdient, wird jetzt noch härter getroffen. Ein Überblick zu aktuellen Erkenntnissen zum Thema.

Menschen, die sowieso wenig verdienen, haben durch die Pandemie stärkere Einbußen in ihrem Monatseinkommen. Eine Studie der Hans Böckler Stiftung zeigt – rund die Hälfte der befragten Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 900 Euro hat starke Verluste erlitten. In dieser Gehaltsgruppe finden sich beispielsweise Menschen, die im Gastgewerbe oder in Leiharbeitsfirmen arbeiten. Gleichzeitig sind bei diesen Betroffenen die Verluste besonders hoch. Knapp 60% büßt mindestens ein Viertel ihres monatlichen Einkommens ein. 

Wer mehr hat, ist von Einbußen weniger betroffen

Das steht im starken Kontrast zur Einkommensgruppe von über 4500€. Hier sind lediglich 26% der erfassten Personen überhaupt von Einbußen betroffen. Und die sind im Schnitt auch noch geringer. In dieser Gruppe befinden sich beispielsweise Menschen, die im Finanzsektor oder öffentlichem Dienst arbeiten. 

Finanzielle Einbußen von Erwerbstätigen

Die Diagramme zeigen, wie unterschiedlich die Einbußen in den Einkommensgruppen sind:

Diagramm mit den finanzellen Einbußen von Erwerbstätigen während Corona

Häufigkeit der Einbußen

Häufigkeit der Einbußen

Höhe der Einbußen

Erschwerend kommt für die Geringverdiener hinzu, dass die Dispozinsen seit Beginn der Pandemie häufig noch einmal gestiegen sind. Banken verlangen bei Kontoüberziehung im Schnitt 10 Prozent Zinsen. Das ergab eine Untersuchung für das Portal “Bürgerbewegung Finanzwende”. Dabei können sich die Banken selbst derzeit Geld für 0 Prozent bei der Europäischen Zentralbank (EZB) leihen. 

Auch die Gesundheitsrisiken sind ungleich verteilt

Das Einkommen wirkt sich während der Pandemie auch auf die Gesundheit aus. So steht zwar bei einer akuten Corona-Erkrankung prinzipiell allen Bürgern eine ähnliche Gesundheitsversorgung offen, Armut oder Arbeitslosigkeit seien aber häufig mit Vorerkrankungen wie Übergewicht, Diabetes oder chronischen Lungenkrankheiten verbunden, stellt Nico Dragano fest. Er ist Professor für medizinische Soziologie an der Uniklinik Düsseldorf. Und diese Vorerkrankungen sowie der chronische Stress - ausgelöst durch die unsichere Lebenssituation - steigern das Risiko schwerer Krankheitsverläufe bei Corona 

Die Auswirkungen sind gewaltig. So hatten von Armut betroffene Menschen zwischen Januar und Juni ein um 84% erhöhtes Risiko für einen schwereren Verlauf der Krankheit. Dies ergaben Auswertungen der Daten der Krankenkasse „AOK Rheinland/Hamburg“. Die Zahlen verdeutlichen die mehrfache Benachteiligung finanziell schlechter gestellter Menschen. 

Die Situation dürfte sich demnächst weiter verschärfen

Denn einer der Hauptgründe für die genannten finanziellen Einbußen ist die Kurzarbeit. Und die nimmt weiter rasant zu. Waren im Januar 2020 noch etwa 380.000 Menschen in Kurzarbeit, stieg die Zahl bis Oktober 2020 auf über 3,2 Millionen.

Die soziale Corona-Kälte

WDR RheinBlick 04.12.2020 25:50 Min. Verfügbar bis 04.12.2021 WDR Online


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Kurzarbeit betrifft besonders jene Menschen, die ohnehin in geringer bezahlten Berufen arbeiten. Das sagt Professorin Bettina Kohlrausch, die die Studie der Hans Böckler Stiftung geleitet hat. Die Zahlen sind deutlich: Kurzarbeit trifft etwa 40 Prozent jener Befragten, die nicht mehr als 1500 Netto verdienen. Bei Menschen die über 4500€ verdienen, sind es nur 11%.

Es gibt verschiedene Lösungsansätze aber noch keine Umsetzung

Prof. Christoph Butterwegge sieht das Kurzarbeitergeld dennoch als richtigen Schritt. Es verhindere, dass mehr Menschen in die Erwerbslosigkeit rutschen, so der Armutsforscher. Um den finanziell schwächeren Bevölkerungsschichten zu helfen, schlägt Butterwegge neben der Erhöhung von Mindestlohn und Hartz IV Satz eine andere Steuerpolitik vor. Er wünscht, dass die Reichen stärker an den Kosten der Corona-Krise beteiligt werden. Vor allem jene, die zu den den Gewinnern der Pandemie gehören. Als Beispiel nennt Butterwegge Lidl-Gründer Dieter Schwarz. 

Mit dieser Forderung steht der Armutsforscher nicht alleine da. Auch die Linke fordert, Reiche ab einem Privatvermögen von 2 Millionen Euro an den Kosten der Corona-Krise zu beteiligen. Kritik an diesem Vorschlag kommt von der CDU, die darin eine zusätzliche Belastung für von Corona getroffenen Branchen sieht.

Reiche an Kosten beteiligen Westpol 06.12.2020 UT DGS Verfügbar bis 06.12.2021 WDR

Stand: 07.12.2020, 15:00