"Völkische Szene" in NRW

Aktuelle Stunde 30.09.2023 Verfügbar bis 30.09.2025 WDR Von Birgit Grigo

"Artgemeinschaft"-Verbot: Was Aussteiger aus der Neonazi-Szene sagen

Stand: 30.09.2023, 20:13 Uhr

Nach dem Verbot des Vereins "Artgemeinschaft" sind völkische Gruppen weiterhin aktiv - auch in NRW. Verbote seien sinnvoll, sagen Aussteiger aus der Szene.

Bei der Razzia gegen den Verein waren am Mittwoch bundesweit Schusswaffen, ABC-Schutzanzüge, Gold, Bargeld und extremistische Schriften sichergestellt worden. In Nordrhein-Westfalen wurden Wohn- und Geschäftsräume in Essen, Porta Westfalica und Oberhausen durchsucht.

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Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte das harte Vorgehen gegen den Kleinverein mit gerade mal 150 Mitgliedern vor allem mit dem Jugendschutz begründet. Die "Artgemeinschaft" habe versucht, durch eine "widerwärtige Indoktrinierung von Kindern und Jugendlichen neue Verfassungsfeinde heranzuziehen". Unter anderem habe der Verein zu diesem Zweck antisemitische Kinderbücher aus der NS-Zeit in Umlauf gebracht.

Wie es ist, in einem solchen Umfeld aufzuwachsen, hat Heidi Benneckenstein am eigenen Leib erfahren. Sie musste schon als Kind rechtsextremistische Jugendcamps besuchen - ihr Vater wollte es so. Sie war Mitglied der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Viele Rechtsextremisten schickten ihre Kinder in die Lager der HDJ, um sie dort in "soldatischer Erziehung" und "Disziplin und Gehorsam" drillen zu lassen.

"Wir wurden auf Gehorsam getrimmt." Heidi Benneckenstein, Aussteigerin aus der Neonazi-Szene

"Wir wurden auf Gehorsam getrimmt", erinnert sie sich heute im Gespräch mit dem WDR. "Uns wurden sehr viele Dinge beigebracht, die man als Nazi im Straßenkampf gebrauchen kann." Erst 2009 wurde die HDJ durch den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verboten.

Gefahr ist nicht gebannt

Porträt von Heidi Benneckenstein

Heidi Benneckenstein

Benneckenstein hatte den Ausstieg aus eigener Kraft geschafft. Nachdem sie mit 17 schwanger geworden war, sagte sie sich zusammen mit ihrem Lebensgefährten von der rechten Szene los. "Wir haben zu dieser Zeit unseren Wohnort gewechselt und unsere Handynummern und waren eigentlich nicht mehr für die Szene erreichbar." Allerdings müssten sie und ihre Familie nach wie vor Sicherheitsvorkehrungen beachten. "Über die Jahre gab es immer wieder Versuche, uns das Leben schwer zu machen und uns einzuschüchtern."

Das Verbot der "Artgemeinschaft" hält Benneckenstein für überfällig: "Das sind Verbote, auf die man jahrelang wartet." Schon kleinen Kinder würden in solchen Gruppen eine völkische Weltanschauung vermittelt. "Ich finde es wichtig, ein klares Zeichen zu setzen." Der Staat müsse es Neonazis grundsätzlich so schwer wie möglich machen, sich zu organisieren.

Ehemann bietet Hilfe beim Ausstieg an

Ihr Mann Felix war ebenfalls seit seinen Teenager-Tagen fest in der Neonazi-Szene verwurzelt. Inzwischen hilft er ehemaligen Gesinnungsgenossen beim Ausstieg aus dem Milieu - zum Beispiel im Programm Exit Deutschland. Er selbst habe damals drei Jahre gebraucht, bis er die Ideologie "abgebaut" hatte, erzählt er heute im Gespräch mit dem WDR.

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Nach und nach habe er immer wieder neue Aspekte der nationalsozialistischen Lehre entdeckt, mit denen er sich nicht mehr identifizieren konnte. Bis er schließlich zu dem Schluss gekommen sei, dass die gesamte Ideologie falsch sei.

Völkische Aktivitäten in Ostwestfalen

Auch wenn in Nordrhein-Westfalen die Entwicklung völkischer Gruppen nach Einschätzung des Landesinnenministeriums seit Jahren rückläufig ist, gibt es nach wie vor regionale Schwerpunkte. "Minden-Lübbecke, Löhne: In all diesen Orten gibt es noch Aktivisten, die sich der völkischen Szene zugehörig fühlen", sagt ARD-Journalist und Rechtsextremismus-Experte Olaf Sundermeyer dem WDR.

Der Reporter Olaf Sundermeyer lächelt in die Kamera

Olaf Sundermeyer

Die Zahl der Anhänger sei zwar überschaubar, bedeutungslos seien die Gruppen aber deshalb nicht. "Für den ideologischen Überbau und auch den völkischen Geist dieser Szene spielen sie eine ganz entscheidende Rolle."

Quellen:

  • Interviews in der Aktuellen Stunde im WDR-Fernsehen
  • Interview im WDR5-Morgenecho (Samstagsausgabe)
  • Deutsche Presse Agentur