Der langsame Abschied vom Alkohol

Aktuelle Stunde 29.12.2023 03:00 Min. Verfügbar bis 29.12.2025 WDR Von Alexa Schulz

Dry January: Verabschieden wir uns langsam vom Alkohol?

Stand: 02.01.2024, 11:38 Uhr

Alkohol gehört für viele zum Alltag dazu. Doch der Konsum von Bier, Wein und Schnaps ist seit Jahren rückläufig. Wo führt uns das hin? Und wie gefährlich ist Alkohol überhaupt? Das sind die Fakten.

Von Jörn SeidelJörn Seidel

Erst der Wein zum Weihnachtsessen, dann Sekt in der Silvesternacht und zwischendurch noch ein paar Bier und Drinks - auch das vergangene Jahr ging für viele Menschen mit reichlich Alkohol zu Ende. Nun aber machen einige damit Schluss, zumindest einen Monat lang. Der Dry January, der trockene Januar, erfreut sich großer Beliebtheit.

Auch der "Sober October", der nüchterne Oktober, oder die Fastenzeit nach Karneval werden gerne als Auszeit vom Alkohol genutzt. Nicht wenige verzichten sogar ganz auf Alkohol oder trinken dauerhaft weniger als früher.

Seit Jahren geht der Alkohol-Konsum zurück. Vor allem junge Menschen lassen häufiger die Finger davon. Es scheint, als ändere sich das Problembewusstsein - und bei manchen auch das Lebensgefühl.

Bringt der Dry January etwas?

Christina Rummel, Geschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)

Christina Rummel, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

Der Dry January ist dafür ein gutes Beispiel. Einen Monat lang komplett auf Alkohol zu verzichten, sei durchaus sinnvoll, sagt Christina Rummel. Sie ist Geschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm, der zentralen Dachorganisation der Suchthilfe-Verbände.

"Man kann sich einfach mal selber bewusst machen, wie viel man überhaupt trinkt, zu welchen Gelegenheiten man trinkt und ob man den Alkohol überhaupt braucht." Christina Rummel, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

Wie viele Menschen im Januar tatsächlich auf Alkohol verzichten, ist unklar. Klar ist, dass Deutschland nach wie vor ein Land mit hohem Alkohol-Konsum ist. Pro Jahr trinkt ein Mensch hierzulande nach Berechnungen der DHS im Schnitt zehn Liter reinen Alkohol.

Hoher Alkohol-Konsum in Europa

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommt sogar auf mehr als zwölf Liter pro Kopf in Deutschland. Das ist mehr als doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt, der laut WHO bei 5,5 bis 5,8 Litern liegt. Europa übrigens ist generell dem Alkohol zugeneigt - in allen EU-Ländern wird der weltweite Durchschnitt übertroffen, teils deutlich.

Zu sehen sind Flaschen, Gläser - und Nationalflaggen, auf denen die Staatennamen und Zahlen zu lesen sind: Rumänien 17,0; Deutschland 12,2; Frankreich 11,3; Niederlande 9,3, Griechenland 7,1 - WHO-Zahlen von 2023 für das Jahr 2019

Allerdings: Die Dinge ändern sich allmählich. Der Konsum geht langsam zurück. Nach den DHS-Berechnungen wird in Deutschland heute rund ein Drittel weniger getrunken als vor vier Jahrzehnten.

Junge Menschen trinken weniger Alkohol

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Der Anteil derer, die schon mindestens ein Mal Alkohol getrunken haben, ist allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten um ein Drittel gesunken, zeigt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Außerdem gibt es unter Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen weniger regelmäßige Trinker als früher. Und sie müssen auch seltener wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden, zeigen Zahlen des statistischen Landesamts NRW.

Der langsame Abschied vom Alkohol

WDR Studios NRW 29.12.2023 04:00 Min. Verfügbar bis 05.01.2025 WDR Online


Allerdings hat dafür unter jungen Erwachsenen der Cannabis-Konsum zugenommen. Auch das zeigt die BZgA.

Megatrend Gesundheit

Warum junge Menschen weniger Alkohol trinken als früher, ist nicht ganz klar. Ein Grund könne sein, vermutet Michaela Goecke von der BZgA, dass es heute viel mehr alkoholfreie Alternativ-Getränke gebe. "Insofern fällt dann auch die Wahl leichter."

Eine noch größere Rolle spielt aber wohl der Megatrend Gesundheit. Der häufigere Griff zum alkoholfreien Getränk geht einher mit einem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein. Junge Menschen wollen sich körperlich fit halten, vor allem, um schweren Krankheiten vorbeugen, zeigt eine Studie der Krankenkasse Pronova BKK.

Influencer als Vorbilder für alkoholfreies Leben

Diesen Trend verstärken etliche Influencer in den sozialen Medien. Ein Beispiel ist der deutsche Fitness-Star Pamela Reif, die ihren mehr als neun Millionen Followern vorlebt, dass ein gesundes und sportliches Leben ohne Alkohol besser funktioniere.

Auch Influencerin Toyah Diebel aus dem Münsterland berichtet ihren Followern vom Leben ohne Alkohol. Das letzte Mal betrunken gewesen sei sie vor fünf Jahren, erzählt Diebel dem WDR. Nun trinke sie nur noch sehr wenig.

"Betrunken sein möchte ich nicht mehr." Toyah Diebel, Influencerin
Toyah Diebel

Toyah Diebel, Influencerin

Was sie besonders stört: Dass für Alkohol so viel Werbung gemacht werde, auch in den sozialen Medien. Alkohol sei zwar legal, sagt Diebel, "aber es ist trotzdem eine Droge. Und ich mache ja auch keine Werbung für Joints."

Großzügige Regeln beim Jugendschutz

Werbung könnte einer der Gründe dafür sein, weshalb Alkohol in Deutschland nach wie vor eine große Rolle spielt. Alkohol-Werbung darf sich zwar nicht an Kinder und Jugendliche richten und sie auch nicht besonders ansprechen, ansonsten gibt es aber nur wenige Einschränkungen.

Vergleichsweise großzügig sind auch die Alkohol-Regeln beim Jugendschutz:

  • Kinder bis 13 Jahre dürfen in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken.
  • Jugendliche ab 14 Jahren dürfen öffentlich trinken, wenn Eltern dabei sind, aber nur Bier, Wein, Sekt und Mischgetränke.
  • 16- und 17-Jährige dürfen das auch ohne Eltern und die oben genannten Getränke zudem selbst kaufen.
  • 18-Jährige dürfen jeden Alkohol kaufen und öffentlich trinken.

Bundesdrogenbeauftragter fordert: Kein Alkohol unter 18

Diese eher laxen Regeln sind dem Sucht- und Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD), ein Dorn im Auge:

"Alkohol hat in den Händen von Kindern und Jugendlichen nichts zu suchen." Burkhard Blienert, Bundesdrogenbeauftragter
Burkhard Blienert, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung (SPD)

Burkhard Blienert (SPD), Bundesdrogenbeauftragter

Man müsse die entsprechenden Gesetze verschärfen, sagt Blienert dem WDR. Alkohol sollte erst ab 18 Jahren öffentlich konsumiert und gekauft werden dürfen.

Gut vorstellen könne er sich auch "starke Warnhinweise auf alkoholischen Produkten", also ähnlich wie bei Zigaretten. Als erster EU-Staat will Irland das in zwei Jahren einführen.

Außerdem macht sich Blienert für den Dry January stark. Er ist Schirmherr einer Kampagne, mit der der Suchthilfe-Verband Blaues Kreuz für den alkoholfreien Monat wirbt.

Wie riskant ist Alkohol überhaupt?

Die Forschung bestätigt, dass Alkohol besonders für junge Menschen bis zum Alter von mindestens 21 Jahren gefährliche Folgen haben kann. Zum Beispiel erhöhe ein früher regelmäßiger Konsum das Risiko einer späteren Alkoholsucht, informiert die BZgA. Außerdem könnten Organe geschädigt und die Gehirnreifung beeinträchtigt werden.

Aber auch für Erwachsene ist Alkohol-Konsum riskant. Alkohol ist eine süchtig machende Substanz, und sie erhöht das Risiko für bestimmte Krebsarten wie Brust- oder Darmkrebs. Selbst wer wenig Alkohol trinkt, geht ein Risiko ein. Das jedenfalls sagen Expertinnen und Experten, auch die der WHO.

Ein Glas Bier am Tag okay?

Jahrelang klang das anders: Ein Glas Bier oder Wein am Tag sei noch in Ordnung. Es gebe zwar keinen völlig risikolosen Konsum, trotzdem wurden Empfehlungen für "risikoarmes" Trinken ausgesprochen, zum Beispiel auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Mittlerweile hat sich der Fokus verschoben. Mit ihren in diesem Oktober veröffentlichten neuen "Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol" geht die DHS weg davon, Bedingungen für ein risikoarmes Trinken zu nennen. Zwar gilt weiterhin: Je weniger, desto besser. Jetzt heißt es aber klipp und klar: "Auch geringe Trinkmengen können zur Verursachung von körperlichen Krankheiten beitragen."

"Alkohol ist ein Zellgift, und das kann den Körper schädigen. Da kann man einfach nicht sagen, dass es gesunden Alkohol-Konsum gibt." Christina Rummel, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

Es gibt aber - selbstverständlich - auch andere Meinungen zum Thema Alkohol. Die Deutsche Weinakademie zum Beispiel, die eng mit dem Deutschen Weinbauverband kooperiert, weist auf die positiven Eigenschaften von Wein hin. Es gebe viele wissenschaftliche Belege für "die günstige Wirkung maßvollen Weingenusses auf die Gesundheit", insbesondere auf das Herz-Kreislauf-System und bei Diabetes. Außerdem sei moderater Wein-Konsum "mit keinem nennenswerten Krebsrisiko verbunden". Die DHS widerspricht dem entschieden.

Vom Genuss des Trinkens

Und was ist mit dem Faktor Genuss? Kann es nicht auch sehr bereichernd sein, einen guten Wein oder ein Glas Whisky zu genießen? Letztlich sei das "eine individuelle Güterabwägung", meint Marcus Reckewitz im Gespräch mit dem WDR. Der Bonner ist Autor des Buchs "Die Kunst der Trunkenheit: Plädoyer für den gepflegten Rausch".

Marcus Reckewitz im Porträt

Autor Marcus Reckewitz

Für ihn geht es im Kern um die Frage: "Wie viel Risiko gönne ich mir für den Genuss von Alkohol?" Er selbst wolle jedenfalls nicht verzichten auf das Glas Wein zum Essen, das kalte Bier im sommerlichen Biergarten, auf die entspannende Wirkung von Alkohol nach einem anstrengenden Tag oder auf dessen Eignung als "galantes Schmiermittel der Kommunikation".

"Gehe ich mit diesem Alkohol-Konsum ein Risiko ein? Vermutlich. Aber das ist es mir wert." Marcus Reckewitz, Autor

Alkohol als "Kulturkonstante"

Verabschieden wir uns also langsam vom Alkohol? Fakt ist, der Konsum geht zurück, für junge Menschen spielt Alkohol längst keine so große Rolle mehr wie für frühere Generationen, die Risiken des Trinkens sind bei vielen Menschen stärker im Bewusstsein angekommen, und es ist weniger normal als früher, bei jeder Gelegenheit Alkohol zu trinken. Trotzdem wird der Alkohol wohl weiter eine große Rolle in der Gesellschaft spielen. Autor Reckewitz: "Alkohol ist so etwas wie eine Kulturkonstante - und wird es vermutlich auch bleiben."

Unsere Quellen:

  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen - u.a. Christina Rummel, WDR-Interview von Alexa Schulz
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  • Bundesdrogenbeauftrager Burkhard Blienert, WDR-Interview von Lars Fuchs
  • Influencerin Toyah Diebel, WDR-Interview von Alexa Schulz
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
  • Statistisches Landesamt IT.NRW
  • Deutsche Weinakademie
  • Autor Marcus Reckewitz, WDR-Interview
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Jugendschutzgesetz
  • Pronova BKK: Studie "Generation Z & Health"

Über dieses Thema berichtet am 29.12.2023 auch die "Aktuelle Stunde" im WDR Fernsehen.