Bizarre Festival 1996: Festival-Magazin, Einlassbändchen und Programmfolder

Eine Rockpalast-Perle

Das Bizarre Festival

1986 überträgt der Rockpalast die letzte Rocknacht aus der Grugahalle in Essen. Zehn lange Jahre ziehen ins Land, das Musikfernsehen verändert sich und das Internet und eine neue Generation Musikfans wachsen heran. Rockpalast reagiert und wird 1995 vom Gastgeber zum Gast: beim Bizarre Festival, das er bis zu seinem Aus im Jahr 2002 aufzeichnet. 2022 ist es nun bereits 20 Jahre her, dass das letzte Bizarre Festival stattgefunden hat.

Von Linda Auhage

20 Jahre nach dem letzten Bizarre:
Interview mit Veranstalter Ernst-Ludwig Hartz

20 Jahre nach dem letzten Bizarre: Interview mit Veranstalter Ernst-Ludwig Hartz

Rockpalast 16.08.2002 21:12 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR

Rockpalast: Zuerst abgeschafft - dann doch live dabei

Als im Jahr 1986 das Bizarre Festival ins Leben gerufen wird, geht zugleich ein besonderes Kapitel des Musikfernsehens zu Ende. Der WDR schafft den Rockpalast und seine Rocknächte ab, die parallel im Fernsehen und übers Radio ausgestrahlt wurden. Nach einem ersten Comeback als "Rocklife" gibt es den Rockpalast zehn Jahre später doch wieder, aber nicht mehr in der Rolle des Veranstalters und auf der Suche nach neuen Formen.

Zehn Jahre vergehen, bis der Rockpalast 1995 sein erstes Bizarre Festival überträgt, nämlich aus Köln-Deutz, von einem Grundstück, auf dem heute die Lanxess-Arena steht.

Die Geschichte des Bizarre Festivals

In Zusammenarbeit mit der Peter-Rieger-Konzertagentur veranstaltet Ernst-Ludwig Hartz das Bizarre Festival 1987 zum ersten Mal auf der Waldbühne in Berlin und der Loreley-Freilichtbühne bei Sankt Goarshausen am Rhein. Die Loreley bleibt vier Jahre Festivalgelände. Da Bekanntheitsgrad und Interesse des Publikums stetig ansteigen, dehnen die Veranstalter das Festival auf zwei Tage aus. Nach einer erneuten Austragung in Berlin macht das Festival in Gießen Halt, zieht nach Kritik von Besuchern und Anwohnern aber weiter nach Aachen.

Köln wird sechs Jahre Festival-Heimat

Nach Jahren des Wanderns findet sich 1994 mit dem Butzweilerhof in Köln schließlich eine Location, die das Bizarre Festival länger beherbergen soll. 1912 wurde dort die kaiserliche "Fliegerstation Cölln Butzweilerhof" erbaut, die bis Mitte der 90er Jahre als Militärflugplatz dient. Nach Einstellung des Flugbetriebs ist der Weg für das Bizarre Festival frei.

Entspanntes Publikum sitzend vor der Hauptbühne während einer Umbaupause beim Bizarre Festival 1998

Publikum beim Bizarre Festival 1998 auf dem alten Flughafen Köln-Butzweilerhof

Wieder ein alter Militärflughafen: Weeze

Ein letzter Umzug führt das Festival von 2000 bis 2002 an den Niederrhein. Mit dem Flughafen Weeze soll das Gelände den steigenden Besucherzahlen endlich gerecht werden. Die Größe ermöglicht es den Veranstaltern, auch ein Rahmenprogramm wie die "Speaker's Corner"-Bühne anzubieten, auf der sich die Besucher musikalisch und mit Gedichten selbst präsentieren können.

Eine Gruppe junger Festivalbesucher sitzt vor einem Schild aus dem Flughafenbetrieb: "Halt Startbahnbereich! Fahrzeuge dürfen diesen Punk (T überklebt) nicht ohne die Genehmigung der Flugleitung überfahren."

Publikum beim Bizarre Festival 2001 auf dem Flughafen Weeze

Das musikalische Herz des Bizarre Festivals

Inhaltlich und auch musikalisch unterscheidet sich das Bizarre Festival von den Rocknächten 1974 bis 1986. In den vom Rockpalast veranstalteten Konzerten spielten Bands wie Thin Lizzy, BAP oder Patti Smith. Im Laufe der Zeit kommen beim Bizarre Festivals immer mehr Genres dazu.

Iggy Pop

Iggy Pop

Von Iggy Pop bis Geheimtipp

Iggy Pop, The Mission und Siouxsie and the Banshees gehören zum ersten Line-Up. In den folgenden Jahren öffnet sich das Festival musikalisch mit New Wave und Gothic bis zu Indie- und Alternative-Rock.

Fans an der Absperrung beim Konzert der Foo Fighters mit Transparent: "I came from America to see you. Can I sing Monkey Wrench? Please" - Ich bin aus Amerika gekommen, um euch zu sehen. Darf ich bitte Monkey Wrench singen?

Publikum beim Konzert der Foo Fighters auf dem Bizarre Festival 2001 in Weeze

Auch für Hip-Hop und elektronische Acts beginnt sich das Bizarre Festival zu interessieren und wird musikalisch immer vielfältiger. Einige der Bands feiern direkt nach ihren Bizarre-Konzerten ihren Durchbruch.

Coldplay

Coldplay

Sportfreunde Stiller um 3:30 Uhr

Im Flugplatz-Hangar in Weeze steht die Aftershow-Bühne. Nachts spielen dort oft deutsche Bands, die gerade ihr erstes Album in der Tasche haben - im Jahr 2000 sind das zum Beispiel die noch unbekannten Sportfreunde Stiller mit "So wie einst Real Madrid".

New Model Army mit Tontechniker aus der Psychiatrie

Viele Künstler besuchen das Bizarre Festival mehr als nur einmal. New Model Army stehen bereits beim ersten Festival 1986 auf der Bühne und kehren einige Male zurück, Veranstalter Ernst-Ludwig Hartz nennt sie auch "Hausband" des Festivals. Zehn Jahre nach dem ersten Bizarre-Gig erinnert sich Sänger Justin Sullivan an ziemlich verrückte Geschichten:

Justin Sullivan, New Model Army über das Bizarre Festival in Gießen

"Unser Tontechniker war ein aus der Psychiatrie entflohener Hochstapler. Wir mussten das komplette Konzert aus dem Gedächtnis spielen, ohne uns überhaupt zu hören."

Rammstein auf dem Weg zum Durchbruch

1996 spielen Rammstein ihr erstes Konzert auf dem Bizarre und haben ihr Debütalbum "Herzeleid" im Gepäck. Paul Landers ist im Rockpalast-Interview überrascht, dass seine Band in die Charts ist und kann es kaum glauben, dass David Lynch soeben zwei Songs für "Lost Highway" lizenziert hat. 1997 wird der Film ein großer Kinoerfolg werden und die Band Rammstein auf einen Schlag weltweit bekannt machen.

Bizarre als große Festival-Alternative

Mitte der 1990er Jahren steckt die deutsche Festivallandschaft noch in ihren Kinderschuhen und das Festivalangebot ist überschaubar. Ein Musikmagazin, das das Bizarre Festival nicht so recht einordnen kann beschreibt es als "alternatives" Musikfestival. Das Bizarre Festival ist des erste seiner Art in Bezug auf die Vielfältigkeit der Musik.

Veranstalter erfindet Leihbücherei für sein Musikfestival

Für viele Besucher ist das Bizarre Festival das erste mehrtägige Festival. In seiner 17-jährigen Geschichte etabliert sich das alternative Festival als generationsübergreifend. In der Anfangszeit Ende der 1980er Jahre besteht das Publikum aus älteren Besuchern, ein Jahrzehnt später kommen auch Teenager.

Das Bizarre-Festival-Gelände von außerhalb und schräg oben, evtl. vom Tower des Flughafens

Das Bizarre Festival im Jahr 2001, Flughafen Weeze

Krawalle bringen das Festival in Not

2002 sorgt eine Gruppe von Randalieren mit angezündeten Mülltonnen für Tumulte. Sicherheitskräfte und Feuerwehrleute werden an ihrer Arbeit gehindert und attackiert, mit schwerwiegenden Folgen für das gesamte Festival: Die Krawalle verursachen hohe Kosten, welche die Versicherung des Veranstalters nicht übernimmt.

Luftbild vom Bizarre Festival 2002, der Platz vor der Hauptbühne ist voll mit Menschen, sonniges Wetter

Das letzte Bizarre Festival im Jahr 2002 auf dem Flughafen Weeze

Insolvenz und Neuversuch als Terremoto

Die Concert Cooperation Bonn meldet daraufhin Insolvenz an und die Zukunft des Bizarre Festivals ist zunächst ungewiss, bis feststeht, dass ein weiteres Bizarre Festival nicht stattfinden kann.

Der Partnerveranstalter Peter Rieger versucht das Konzept des Festivals in Zusammenarbeit mit den Konzertagenturen fkp Scorpio und Marek Lieberberg unter dem Namen Terremoto fortzuführen, dieses findet jedoch nur nur ein einziges Mal statt.

Das Bizarre Festival in der Erinnerung

Ernst-Ludwig Hartz wünscht sich vor allem, dass das Bizarre als Festival in Erinnerung bleibt, auf dem die Leute eine gute Zeit hatten mit guter Musik. Hartz sei zwar traurig, aber alles habe seine begrenzte Zeit und so auch das Bizarre Festival. Heute gibt es unzählige Open-Air-Festivals, doch das Bizarre war das erste große mit einem bunten musikalischen Spektrum in Deutschland.

Bizarre Festival 1998

Der Rockpalast vor Ort

Inhaltlich und auch musikalisch unterscheidet sich das Bizarre Festival von den Rocknächten 1974 bis 1986. In den vom Rockpalast veranstalteten Konzerten spielten Bands wie Thin Lizzy, BAP oder Patti Smith. Die Künstler der Bizarre Festivals kommen im Lauf der Zeit aus ganz verschiedenen Genres.

Am 19. August 1995 gibt der Rockpalast sein Debüt beim Bizarre Festival. Die Spermbirds, NOFX, White Zombie, Clawfinger, Kyuss, Monster Magnet, H-Blockx und Paradise Lost gehören zu den ersten Bands die gefilmt werden. In den folgenden Jahren wird das musikalische Aufgebot immer durchmischter. Musiker wie Rammstein und Faithless teilen sich die Bühne. Bald gesellen sich Künstler wie die Absoluten Beginner oder Chemical Brothers dazu.

Diese Vielfalt bestätigt Redakteur Peter Rüchel 1997 beim Schnitt der Rockpalast-Sendung. Er möchte nicht nur seinen eigenen Geschmack abbilden, sondern "das, was Euch interessiert."

Sendezeit-Rekord

So wie das Bizarre Festival die Musik- und Festivalkultur in Deutschland beeinflusst, so prägt es auch den Rockpalast. Beim elften Bizarre-Festival zeichnet der WDR an nur einem Wochenende fast 30 Bands auf. Das Sendematerial häuft sich bis hin zum Rekord von 1000 Sendeminuten:

Das Bizarre verändert den Rockpalast

Für den Rockpalast bietet die Zusammenarbeit mit dem Bizarre Festival ganz besonders eine Erweiterung der bisherigen musikalischen Bandbreite. Peter Rüchel, ehemaliger Rockpalast-Redakteur, sagt "ich habe mir strickt vorgenommen, nicht nostalgisch zu sein." Denn früher hatte er die Rockpalast-Künstler noch selbst gebucht, beim Bizarre bekam er sie sozusagen vorgesetzt:

Auch das übrige Team muss sich auf Neues einstellen. Plötzlich gibt es nicht drei Bands pro Rocknacht, für die der WDR anfangs noch selbst die Plakate druckte und das Team mit allen Künstlern direkten Kontakt hatte. Bei knapp 30 Acts verteilt auf mehrere Bühnen muss die Arbeit gänzlich neu organisiert werden, wie sich die ehemalige Produktionsleiterin Barbara Lücke erinnert:

Der Rockpalast dokumentiert 150 Bands beim Bizarre Festival

Ab 2004 gibt es Vimeo, Youtube und andere Video-Plattformen, auf denen oft ganze Konzerte zu finden sind. Vorher ist es aber fast ausschließlich das Fernsehen, das Musikfans die Möglichkeit gibt, Künstlerinterviews und Konzerte auch nachträglich zu genießen - allerdings auch hier nicht ohne Konkurrenz durch private Anbieter, wie MTV und VIVA.

Doch der Rockpalast bleibt bis zum Ende des Bizarre Festivals dabei. In acht Jahren filmt der WDR allein auf dem Bizarre über 150 Bands.

Fan hält Transparent hoch: "Thanks for coming here again and for playing great music." - Danke, dass ihr wiedergekommen seid und danke für die tolle Musik.

Begeisterte Fans beim letzten Bizarre Festival 2002 am Flughafen Weeze