Hindus in NRW

Das Dach des Hindu-Tempels neben einem rauchenden Fabrikschlot

Vishnu und Shiva an Rhein und Ruhr

Hindus in NRW

Von Johannes Eberhorn

Aussagen über die Verbreitung des Hinduismus in Nordrhein-Westfalen lassen sich nur schwer treffen. Verlässliche Zahlen gibt es kaum. Fest steht allerdings: Nirgendwo in Deutschland leben so viele Hindus wie an Rhein und Ruhr.

Wer sich auf die Spuren der Hindus in Nordrhein-Westfalen begibt, steht zunächst vor einem grundlegenden Problem: Der Hinduismus ist alles andere als eine einheitliche Religion. Seine Ausprägungen sind ähnlich zahlreich wie die zu verehrenden Gottheiten. "Jede Region hat ihre eigenen Präferenzen - auch bei den Göttern", sagt Barun Chatterjee, der Präsident des Indischen Kulturvereins Köln. In NRW ist das nicht anders. So gehört Chatterjee zur relativ kleinen Gruppe der indischen Hindus, die überwiegend aus Nord- und Ostindien sowie aus Bangladesch stammen. Diese Einwanderer ließen sich in den 50er bis 70er Jahren in Deutschland nieder, unter ihnen viele Studenten, Ärzte und Ingenieure.

Nur wenige indische Hindus in NRW

In NRW leben Hindus aus Indien, Sri Lanka und Afghanistan. Der indische Journalist Jose Punnamparambil schätzt die Zahl der indischen Hindus an Rhein und Ruhr auf etwa 3.000, die zum großen Teil Vishnuisten sind. Sie haben in NRW keine Tempel, sondern praktizieren ihre Religion meist im Privaten. "Diese Gruppe braucht keinen Tempel, um als Hindu glücklich zu sein", erklärt Manfred Hutter, Religionswissenschaftler an der Universität Bonn. Die zentrale Institution der Religionsausübung sei der Familienkreis, Tempel hätten eher soziale Funktionen. Sie sind ein vertrauter Ort im fremden Land, wo man bekannte Gesichter sehen und ein wenig Heimatgefühl genießen kann.

Die größte Veranstaltung der indischen Hindus in NRW ist das jährlich im Herbst stattfindende Fest zu Ehren der Göttin Durga in Köln, das vom Indischen Kulturverein organisiert wird. Zu der mehrtägigen Feier, Durga Puja genannt, kommen 500 bis 600 Besucher aus ganz Deutschland, den Benelux-Staaten, Frankreich und Großbritannien.

Tamilen bauen eifrig Tempel

Die größte Hindu-Gruppe in NRW stellen die Tamilen, die überwiegend aus Sri Lanka stammen. Ihre genaue Zahl ist schwer zu schätzen, aber der Religionsforscher Robert Kötter geht davon aus, dass rund 75 Prozent der 20.000 bis 25.000 erwachsenen Hindus in NRW Tamilen sind. Die meisten von ihnen kamen seit den frühen 80er Jahren nach Deutschland, als der Bürgerkrieg in Sri Lanka eskalierte. Im Gegensatz zu den indischen Hindus erwiesen sich die Tamilen als fleißige Tempelbauer. Im Jahr 2005 gab es laut dem Religionswissenschaftler Martin Baumann von der Universität Luzern etwa 25 tamilische Tempel in Deutschland. Knapp die Hälfte davon steht an Rhein und Ruhr. Zum großen Teil, so Baumann, verehren die Tamilen dort Shiva und die Große Göttin der Shakti-Tradition.

Der bedeutendste Tempel der tamilischen Hindus steht in einem Industriegebiet in Hamm-Uentrop. Mit seinem 700 Quadratmeter großen Innenraum und dem 17 Meter hohen, prächtigen Portal ist der Sri Kamadchi Ampal Tempel europaweit die größte Kultstätte im südindischen Baustil. Zum Tempelfest, bei dem eine Statue der Göttin Sri Kamadchi das Bauwerk umrundet, kommen jährlich etwa 15.000 Hindus aus der ganzen Welt.

Gute Bedingungen lockten Hindus nach NRW

Die tamilischen Hindus scheinen sich in NRW wohl zu fühlen. Allein im rund 180.000 Einwohner zählenden Hamm gibt es noch zwei weitere Tempel. Nirgendwo sonst in Deutschland leben so viele Hindus wie im Ruhrgebiet und entlang des Rheins. Die Gründe dafür sieht Religionsforscher Hutter in den gemäßigten Ausländerbestimmungen in den 80er und 90er Jahren sowie in den damit verbundenen Arbeitsmöglichkeiten. Sobald die ersten Einwanderer in NRW Fuß gefasst hatten, seien ihnen weitere gefolgt. "Ich gehe dorthin, wo ich bereits eine minimale Infrastruktur habe", beschreibt Hutter die Denkweise vieler Immigranten.

Afghanische Hindus bauen Aktivitäten aus

Eine wesentlich kleinere, aber trotzdem sehr aktive Gruppe bilden die Hindus afghanischer Herkunft. Chellaran Merzadah, der Vorsitzende des Zentralrats der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland, schätzt ihre Zahl in NRW auf etwa 2.000. Genauso wie bei den Tamilen handelt es sich bei ihnen fast ausschließlich um Kriegsflüchtlinge, die in den 80er Jahren nach Deutschland kamen.

Auch die afghanischen Hindus, die in ihrer Heimat eine wirtschaftlich erfolgreiche Minderheit waren, ließen sich in NRW bevorzugt im Ruhrgebiet und am Rhein nieder. Religiöse Zentren sind zwei Tempel in Köln und einer in Essen, in denen laut Merzadah viele verschiedene Gottheiten verehrt werden. Eines der Kölner Gotteshäuser wird ab dem Frühjahr 2008 noch ausgebaut. Der seit 1993 bestehende Afghanhindu-Kultur-Verein kaufte ein 1.350 Quadratmeter großes Grundstück in Köln-Mülheim, auf dem ein neues Tempel- und Kulturzentrum mit großer Gebetshalle entstehen soll.

Mehrheit der Hindus ist eingewandert

Die große Mehrheit der Hindus in NRW besteht aus Migranten und Flüchtlingen. Einzige Ausnahme bilden hier die wenigen Anhänger neo- oder reformhinduistischer Strömungen, die ab dem 19. Jahrhundert entstanden. Während Bewegungen wie Hare Krishna oder Transzendentale Meditation in den 70er und 80er Jahren noch für hitzige gesellschaftliche Debatten sorgten, haben sie heute deutlich an Mitgliedern und Einfluss verloren. Von Religionsforschern werden sie inzwischen als vernachlässigbare Größe angesehen.

Stand: 15.02.2008, 06:00