Der Hinduismus

Shiva-Statue mit Baugerüsten umgeben

Die vermutlich älteste und rätselhafteste der Weltreligionen

Der Hinduismus

Von Rainer Kellers

Der Hinduismus ist die drittgrößte Weltreligion - und die rätselhafteste. Statt eines einzigen kennt sie zahllose Götter. Es gibt keinen Gründer, kein verbindliches heiliges Buch, keine Kirche, kein allgemeines Dogma. Manche sagen, der Hinduismus sei gar keine Religion

Die Schwierigkeiten fangen schon bei den Ursprüngen an: Wann ist der Hinduismus entstanden? Niemand kann das genau sagen. Ein Gründungsereignis oder ein Stifter wie Christus, Abraham, Mohammed oder Buddha fehlen. Fest steht lediglich, dass irgendwann vor rund 4.000 Jahren im Indus-Tal - im Gebiet des heutigen Indien und Pakistan - eine Zivilisation blühte, deren Religion ein Vorläufer des heutigen Hinduismus war. Die Menschen verehrten Tiere, Pflanzen, eine Art Muttergottheit und andere, oft vielköpfig dargestellte Gottheiten.

Die Arier brachten die kriegerischen Götter mit

Dieser bunte Götterpantheon vermischte sich um 1800 vor Christus mit den Glaubensvorstellungen eines zentralasiatischen Nomadenvolkes, das in Nordindien eingefallen war: den Ariern. Das Reitervolk brachte kriegerische, männliche Götter mit, deren Geschichten in den vier Veden erzählt werden. Diese uralten Texte prägen bis heute den Hinduismus; es sind die ältesten, aber nicht die einzigen religiösen Schriften der Hindus.

Jainas, Sikhs und chistliche Missionare

Viele weitere Einflüsse haben den Hinduismus seither geprägt. Der Naturglaube der indischen Ureinwohner vermischte sich mit dem der arischen Invasoren. Buddhismus und Jainismus, die ebenfalls in Indien entstanden, hinterließen Spuren. Ebenso die Muslime, die im 16. und 17. Jahrhundert weite Teile Indiens erobert hatten. Als Reaktion darauf entstand die Religion der Sikhs. Und schließlich kamen die Briten und hatten christliche Missionare im Schlepptau. Die Briten waren es auch, die um 1830 den Begriff des Hinduismus als Religionsbezeichnung überhaupt erst einführten. Vorher galt Hindu als Sammelbezeichnung für Anhänger indischer, nicht-muslimischer Glaubensrichtungen. Ursprünglich stammt das Wort von den Persern, die damit die Menschen bezeichneten, die am Fluss Indus lebten.

Einer, mehrere oder tausende Götter

Es ist umstritten, den Hinduismus, der aus so vielfältigen Strömungen besteht, als eine einzige Religion zu betrachten. Viele Hindus verstehen ihre Religion eher als Weltanschauung. Unter ihnen gibt es solche, die an ein Pantheon unzähliger Götter glauben. Andere verehren einen höchsten Gott unter vielen oder glauben, dass alle Götter Manifestationen einer einzigen Gottheit sind. Wieder andere bestreiten die Existenz von Göttern, glauben aber an das Göttliche in jedem Lebewesen.

Drei Hauptrichtungen des Hinduismus lassen sich immerhin ausmachen: Shivaismus, Vishnuismus und Shaktismus. Die ersten beiden Strömungen stellen Shiva oder Vishnu als obersten Gott in den Mittelpunkt. Anhänger des Shaktismus verehren Shakti, die weibliche Urkraft des Universums, die sich in einer oder mehreren weiblichen Gottheiten manifestiert. Der Shaktismus ist eng verwoben mit dem Tantrismus.

Wenn Hindus zu Christus beten

So unterschiedlich die Glaubensrichtungen im Hinduismus aber auch sind, jede von ihnen wird toleriert, keine gilt als ketzerisch. Und mehr noch: Selbst Götter und Heilige ganz anderer Religionen finden mitunter den Weg in das Pantheon. Buddha zum Beispiel wird als Reinkarnation des Gottes Vishnu gesehen. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Hindus Christus anbeten oder zu einem muslimischen Heiligenschrein pilgern. Zwar gibt es auch unter Hindus Extremisten, Glaubenskriege jedoch gingen nie von Hindus aus.

Bei aller Unterschiedlichkeit ist der Hinduismus trotzdem nicht beliebig. Es finden sich durchaus Merkmale, die ihn als einheitliche Religion erscheinen lassen. Die überaus große Bedeutung der Riten und Rituale zum Beispiel, die den Alltag der Hindus vollkommen bestimmen. Der Glaube an Lehrmeister (Gurus) und Asketen (Sadhus). Und die Vorstellung vom Kreislauf der Wiedergeburten von Karma8 und Erlösung (Moksha). Das Kastenwesen schließlich ist die wichtigste gesellschaftliche Ausprägung des Hinduismus.

Ohne missionarischen Eifer

Geschätzte 900 Millionen Menschen sind heute Anhänger dieser mysteriösen, möglicherweise ältesten Weltreligion. Missionarischen Eifer haben die Hindus nie entwickelt, und so leben die meisten von ihnen nach wie vor in Indien. Die Bevölkerungsmehrheit stellen sie zudem in Nepal und auf Bali. Größere Minderheiten gibt es unter anderem auf Sri Lanka, in Bangladesch und Großbritannien. In Deutschland leben geschätzt mehr als 90.000 Hindus. Die meisten davon sind Einwanderer aus Südasien. Es gibt aber auch Deutsche, die sich von der Mystik und Philosophie angezogen fühlen - und vielleicht auch davon, dass der Hinduismus grundlegend anders ist.

Stand: 15.02.2008, 06:00