Regeln und Rituale des Hinduismus

Eine heilige Kuh wird von einer jungen Frau gefüttert

Von heiligen Kühen, süßen Opfern und nackten Heiligen

Regeln und Rituale des Hinduismus

Von Rainer Kellers

Von der Geburt bis zum Tod ist das Leben eines Hindus von Ritualen geprägt. Die Riten sind so vielfältig wie der Hinduismus selbst. Und ebenso widersprüchlich. Nur die Kuh ist allen heilig.

Heilige Kühe sind selbst im Westen sprichwörtlich. Und für einen gläubigen Hindu ist es schlicht undenkbar, ein Rind zu töten oder gar sein Fleisch zu essen. Kühe sind in Indien unantastbar. Sie traben unbehelligt durch den dichtesten Großstadtverkehr, werden in Altenheimen gepflegt. Und als eine US-amerikanische Hamburgerkette Burger mit Rindfleisch verkaufen wollte, gab es gewalttätige Proteste. Der Ursprung der heiligen Kuh liegt in vedischer Zeit. Schon damals galten die Gaben der Rinder - Milch und Dung - als lebensnotwendig. Es entwickelte sich die Vorstellung, dass die Kuh die Verkörperung der Mutter Erde und der mythische Sitz der Götter sei.

Essen und Trinken

Rindfleisch ist für einen Hindu also tabu. So eindeutig sind andere Ge- oder Verbote nicht. Oft wird angenommen, Hindus seien Vegetarier, dürfen keinen Alkohol trinken oder Drogen konsumieren. Und tatsächlich glauben viele Hindus, ein vegetarisches und abstinentes Leben sei verdienstvoll - ein generelles Dogma lässt sich daraus aber nicht ableiten. So verwenden manche Asketenorden Alkohol oder Rauschgift in Ritualen.

Generell gilt, dass Speisen und Getränke möglichst "rein" sein sollen. Was darunter zu verstehen ist, wird höchst unterschiedlich ausgelegt. Es existieren unzählige Bestimmungen, die beispielsweise zwischen Rohkost und gekochtem Essen oder kultivierten und wild wachsenden Lebensmitteln unterscheiden. Von großer Bedeutung ist zudem, wer eine Speise zubereitet hat. War der Koch unrein - etwa weil er einer niedrigeren Kaste angehört -, ist auch das Essen unrein. Die eigene Küche ist für Hindufamilien ein heiliger Ort, den kein Fremder betreten darf. Gegessen wird nur mit der rechten Hand - die Linke gilt als unrein, weil sie zur Säuberung des Gesäßes verwendet wird.

Gaben, Opfer, Rituale

Der Alltag jedes Hindu ist von religiösen Handlungen durchdrungen. Hausaltäre oder Bilder werden mit Blumen geschmückt, Götterbilder angebetet und mit Räucherkerzen verehrt. Die Ehrbezeugungen richten sich dabei nicht nur an die klassischen Götter. Auch Pflanzen, Tiere, Flüsse oder Berge werden als göttlich angebetet, verstorbene Verwandte, Gurus, manchmal auch Bollywoodstars wie Heilige verehrt. Traditionelle Hindus beginnen und beschließen jeden Tag mit einem Morgen- und Abendritual. Dazu gehören die rituelle Reinigung, bestimmte Atemübungen, das Rezitieren heiliger Verse, die Verehrung der Götter und die Vertreibung von Geistern und Dämonen.

Der Gottesdienst im Hinduismus heißt Puja. Die Verehrung kann im eigenen Haus oder einem der unzähligen Tempel und Schreine stattfinden. Der Gläubige profitiert bereits durch das bloße Anschauen der Gottheit (Darshana). Von zentraler Bedeutung sind aber Gaben und Opfer. Jede Gottheit beweist dabei einen eigenen Geschmack. Der feiste Ganesha beispielsweise liebt Süßes, den Affengott Hanuman kann man mit Obst verwöhnen, während die wilde Kali Fleisch und Blut fordert (früher angeblich auch Menschenopfer). Nahrungsmittel, die einem Gott geopfert werden, gelten als geheiligt und werden meist als Gnadengabe (Prasada) zurückgegeben.

Priester, Mönche und Asketen

Als Mittler zwischen Menschen und Göttern agieren auch im Hinduismus Priester. Alle Priester gehören der Kaste der Brahmanen an, der höchsten Stufe in der Hindu-Gesellschaft. Doch nicht alle Brahmanen sind Priester. Und auch innerhalb der Priesterschaft sind die Unterschiede groß. Es gibt Tempelpriester, Pilgerpriester, Lehrer (Guru), Astrologen, Heiler, Totenpriester und viele mehr. Sie alle sind religiöse Spezialisten, die vom Ritualdienst meist sehr gut leben können. Eine zentrale Autorität wie die Kirche gibt es im Hinduismus nicht.

Großen Einfluss haben jedoch verschiedene Mönchsorden - die nicht alle nur Brahmanen aufnehmen. Berühmt sind die militanten Naga-Asketen, die stets unbekleidet sind und in der Vergangenheit gegen Muslime und Engländer zu Felde zogen. Viele Asketen (Sadhus) leben ein zurückgezogenes Leben, das sie ganz der Verehrung Gottes gewidmet haben. Manche unterziehen sich extremer Askese, rühren sich jahrelang nicht von der Stelle oder nehmen so gut wie keine Nahrung auf. Asketen werden von der Bevölkerung oft wie Heilige verehrt.

Das Weltgesetz

Asketentum ist für traditionelle Hindus eines von vier Lebensstadien, die jeder Mensch durchlaufen muss, um am Ende aus dem Kreislauf der Wiedergeburten erlöst zu werden. Zuerst sollte der Mensch als Schüler in Pflichten und Moral eingewiesen werden. Dann steht die Gründung einer Familie an. Die letzten beiden Stadien schließlich - Einsiedler und Wandermönch - sind ganz der Einkehr gewidmet. Freilich können und wollen nur wenige Hindus alle vier Stadien durchlaufen. Wichtig ist den Gläubigen deshalb, dass sie - in allem, was sie tun - dem Pfad des Dharma folgen.

Dharma ist eine Art Gesetz, das die Welt zusammenhält. Es umfasst Regeln und Normen, Rechte und Sitten, Vorschriften und Gesetze, kurz: die natürliche Ordnung der Welt. Anders als bei den monotheistischen Religionen ist Dharma aber kein allgemeingültiges Regelwerk, sondern immer bezogen auf die Umstände und den Einzelnen. So gibt es ein Dharma für Männer und eines für Frauen, für Junge und Alte, für Angehörige unterschiedlicher Kasten, verschiedener Lebensstadien usw. Regeln im Hinduismus sind deshalb immer relativ. Vermutlich ist das der Grund, warum der Hinduismus auf Außenstehende so verwirrend wirkt

Stand: 15.02.2008, 06:00