"Eine faszinierende Atmosphäre"

Fahnen zum Weltjugendtag vor dem Kölner Dom

Die Kölner und die Pilger

"Eine faszinierende Atmosphäre"

Von Katharina Nickoleit

Wer in Köln wohnt, dem begegnen seit Tagen auf Schritt und Tritt Pilgergruppen. Die Bahnen sind überfüllt, manche Supermärkte leer gekauft und irgendeine Straße ist eigentlich immer gesperrt. Trotzdem sind viele Kölner vom Weltjugendtag begeistert.

Vor der Agneskirche herrscht dichtes Gedränge. Es ist Freitagabend 22 Uhr, und auch zu so später Stunde strömen noch immer Pilger in den Gottesdienst. Einige Anwohner bleiben auf dem Kirchplatz stehen um zu schauen, was da eigentlich in ihrem Viertel passiert - und bekommen sofort ein Liedblatt und eine Kerze. "Ich bin sonst keine Kirchgängerin", sagt Sharon, die hier um die Ecke wohnt. "Aber die Atmosphäre hier ist so toll, dass ich mir das doch mal anschauen wollte." So geht es hier vielen. Kölner, die sonst allenfalls zu Weihnachten eine Kirche betreten, stellen plötzlich erstaunt fest, dass sie fast eine Stunde andächtig gesungen haben.

Leben im Ausnahmezustand

Doch so faszinierend und schön die Anwohner die Stimmung auf dem Kirchplatz auch finden mögen - ihr Alltag wird durch den Weltjugendtag doch recht schwierig. "Am meisten nervt mich dieser Hubschrauber", sagt Ben. "Seit drei Tagen fliegt der ständig über mein Haus. Ich arbeite nachts, und habe eigentlich kaum eine Chance, um mich tagsüber auszuruhen." Schwierig finden viele auch, dass man nie weiß, welche Straße gerade gesperrt ist.

Und manche Dinge sind einfach merkwürdig. "Ich bin heute mit dem Zug von Bonn nach Köln gefahren. Nicht nur, dass der 40 Minuten Verspätung hatte und völlig überfüllt war. Alle Pilger haben die ganze Zeit laut miteinander gebetet. Das fand ich schon sehr bizarr", meint Marten, der hier im Agnesviertel eine Freundin besucht.

Michael arbeitet in der Musikbranche und empfindet den Weltjugendtag fast wie eine Parallelwelt, die in seiner Stadt abläuft, ohne dass er etwas davon mitkriegt. "Ich hätte gerne abends an der einen oder anderen Veranstaltung teilgenommen. Aber es war völlig unmöglich für mich, herauszufinden, was wann und wo stattfindet." Ihm kommt es so vor, als habe man die Kölner einfach außen vor gelassen.

Vom Karneval einiges gewohnt

Die Pilger, die die Stadt bevölkern, die empfinden viele der Anwohner eher als Bereicherung denn als Invasion. "Köln ist zur Zeit die jüngste Stadt der Welt. Und wir sind doch nun mal eine Pilgerstadt, schon immer gewesen. Das gehört dazu", meint Reinhard, 44, der seit Stunden vor der Agneskirche auf einer Bank sitzt, sich die Lichtorgel im Kirchturm ansieht und den Gesängen lauscht.

Und von fast jedem Kölner, mit dem man spricht, bekommen die Pilger ein großes Lob: Diszipliniert seien sie, höflich und freundlich. Und: sie trinken nicht. Vom Karneval ist man in dieser Stadt ganz andere Dinge gewohnt ...

Michael spricht aus, was viele der Anwohner hier denken: "Am Anfang war ich sehr skeptisch, als ich hörte, dass 400.000 Pilger nach Köln kommen. Aber jetzt bin ich fast traurig, dass der Weltjugendtag bald schon wieder vorbei ist." Sagt es und zündet seine Kerze noch mal an, die der Wind gerade ausgeblasen hatte.

Stand: 20.08.2005, 11:46