"Adenauer war ein Polarisierer mit Charme"

Politik-Professor Hans-Peter Schwarz

Die Leistung des ersten Kanzlers (Teil 2)

"Adenauer war ein Polarisierer mit Charme"

Konrad Adenauer war Gründungskanzler der Bundesrepublik. Wie setzte er seine Politik um? Im WDR.de-Interview beschreibt ihn Politik-Wissenschaftler Hans-Peter Schwarz als Polarisierer mit Charme und konfrontatives Temperament.

WDR.de: Diktatorisch, rücksichtslos, unzuverlässig - manche Beschreibungen von Adenauers Umgangsweise sind nicht sehr schmeichelhaft. Welchen politischen Stil pflegte Adenauer?

Prof. Hans-Peter Schwarz: Adenauer war zweifellos ein konfrontatives Temperament. Er war ein Polarisierer, genauso wie Kurt Schumacher auf Seiten der SPD. Was die CDU anging, hatte er zweifellos integrierende Fähigkeiten. Aus einer Vereinigung von Landesverbänden eine schlagkräftige Bundespartei zu machen, das können Sie nicht nur mit autoritativen Anweisungen erreichen. Hier ist psychologisches Feingefühl und Überzeugungskraft notwendig. Dasselbe gilt für die Adenauers Integrationsleistung in der Fraktion.

Es wäre sicher falsch, nur den kantigen Machtmenschen in den Vordergrund zu rücken. Adenauer gebot - wenn er wollte - über großen Charme. Immer wieder brachte er auch seinen Kölner Humor zum Einsatz, mit dem er selbst Journalisten, die ihm kritisch gegenüber standen, oft für sich einnahm. Meistens hatte er die Lacher auf seiner Seite. Dieser kölnische Humor, relaxed und oft leicht zynisch gefärbt, hat seine autoritäre Art doch erträglicher gemacht.

WDR.de: Wie demokratisch ist Adenauers "Kanzlerdemokratie"?

Konrad Adenauer (Archivbild vom 10.07.1965)

Konrad Adenauer (1965)

Schwarz: Es war - lassen Sie es mich so sagen - eine autoritative Form der parlamentarischen Demokratie. Wenn der Bundeskanzler gelegentlich die Grenzen überschritt, etwa beim Fernsehstreit, dann hat ihn das Bundesverfassungsgericht zurechtgewiesen. In der seinerzeitigen Öffentlichkeit wurde Adenauers häufig brüske, bisweilen verletzende Art heftig kritisiert. Nachdem aber spätere Kanzler wie Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder regiert haben, war doch festzustellen, dass Entschiedenheit und eine gewisse Herzlosigkeit, auch Schläue und Machiavellismus, zum Geschäft des Bundeskanzlers zwingend dazu gehören.

WDR.de: In diesem Jahr wird die Bundesrepublik 60 Jahre alt. Wäre ihre Geschichte ohne Adenauer anders verlaufen?

Schwarz: Ich bin fest davon überzeugt. Seine erste große Leistung war seine bedingungslose Westbindung, die mit großer zeitlicher Verzögerung schließlich eine Wiedervereinigung zu den Bedingungen des Westens erlaubt hat. Seine zweite Leistung war der Aufbau des leistungsfähigen Wirtschafts- und des Sozialsystems. Die 1957 von ihm durchgesetzte dynamische Rente galt lange Jahrzehnte hindurch als die tragende Säule bundesdeutscher Alterssicherung. Er hat drittens die CDU neben der SPD zur zweiten großen Volkspartei gemacht. Das waren zweifellos Leistungen, die die Demokratie stabilisiert haben.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 18.05.2009, 02:00