"Wir wurden wie Verdächtige behandelt"

Der Friseursalon von Hasan Yildirim nach dem Anschlag

Kölner NSU-Opfer kritisieren Polizei

"Wir wurden wie Verdächtige behandelt"

Im Münchner NSU-Prozess haben Opfer des Kölner Nagelbombenanschlags vor Gericht Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Mehrere Zeugen beschwerten sich am Mittwoch (21.01.2015), damals trotz ihrer teils schweren Verletzungen wie Verdächtige behandelt worden zu sein.

Die mit mehr als 700 Nägeln gefüllte Bombe war auf einem Fahrrad deponiert gewesen - vor einem Friseursalon in der Kölner Keupstraße. 22 Menschen wurden bei dem Anschlag am 9. Juni 2004 zum Teil lebensgefährlich verletzt. Unter den Opfern war auch der Friseur Hasan Yildirim, der Bruder des Ladeninhabers. Am Mittwoch berichtete er im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht von einer "zweiten Verletzung", wie er es nennt: "Die Vernehmungen bei der Polizei waren nicht in der Art, als würden wir als Zeugen vernommen werden, sondern als Verdächtige." Zudem seien er und sein Bruder überwacht worden. "Die hatten wohl einen so starken Verdacht gegen uns." Der Friseur berichtete sogar von einem Versuch eines Beamten, ihn zum Kronzeugen zu machen: Ihm sei eine neue Identität angeboten worden, wenn er auspacke.

Dem Täter in die Augen geblickt

Yildirim sagte zudem, er habe den Täter wenige Minuten vor der Explosion gesehen. "Etwa eine Sekunde haben wir uns gegenseitig angeblickt." Der Mann habe das Fahrrad draußen angelehnt und sich kurz nach unten gebeugt, als wolle er es anschließen. Er habe ihn später auch der Polizei beschrieben und dabei mitgeteilt, der verdächtige Mann habe eine Baseballkappe auf dem Kopf gehabt, blonde Koteletten getragen und sei etwa 1,80 Meter groß gewesen. Mit dieser Beschreibung sei der Beamte aber nicht einverstanden gewesen. "Der Polizist hat gesagt, kann er nicht ein bisschen dunkel gewesen sein?"

Auch andere Zeugen sprachen von schlechten Erfahrungen mit der Polizei. Er sei "wie ein Beschuldigter" behandelt worden, sagte einer von ihnen. Die Beamten hätten wissen wollen, was er über die Rotlicht- und Drogenszene oder über die kurdische Terrororganisation PKK wisse.

Nagel im Hinterkopf

Die ersten Minuten nach der Bombenexplosion beschrieben die Zeugen als völlig chaotisch. Mehrere von ihnen sagten, sie hätten zunächst gar nicht bemerkt, dass sie verletzt waren. Einer erinnerte sich, er sei erst später auf dem Bürgersteig von Passanten angesprochen worden. Sie hätten ihm bedeutet, dass er blute und in seinem Hinterkopf ein Nagel stecke. Er habe sie aber nicht hören können, weil sein Gehör nach der Explosion nicht funktionierte.

Eine Frau berichtete ausführlich, wie sie einem Anschlagsopfer die brennenden Beine gelöscht hat. Ein Ladenbesitzer aus der Keupstraße sagte, er habe immer noch manchmal Angst, wenn er jemanden mit einem Fahrrad oder mit einem Rucksack vor seinem Geschäft sehe. "Dann denke ich, könnte da wieder was passieren?"

NSU-Trio als mutmaßliche Täter

Am Dienstag (20.01.2015) hatten erstmals Opfer des Nagelbombenanschlags vor Gericht ausgesagt. Der Anschlag in der von türkischen Migranten geprägten Straße wird - neben zehn Morden - mittlerweile dem NSU angelastet. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sollen die Bombe dort auf einem Fahrrad deponiert haben. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Trios, steht als Mittäterin vor Gericht.

Stand: 21.01.2015, 17:54