15. Oktober 1986 - Picassos Witwe Jacqueline nimmt sich das Leben

Jacqueline und Pablo Picasso bei inniger Umarmung

Stichtag

15. Oktober 1986 - Picassos Witwe Jacqueline nimmt sich das Leben

Pablo Picassos Kunst, sagt sein Freund Jaime Sabartés, folgt den Kurven seiner Liebe. Sein Leben lang hat das spanische Maler-Genie eine Frau an seiner Seite - oder mehrere zugleich und meist erheblich jünger. Jede frisch entflammte Leidenschaft verleiht seinem Schaffen neue Impulse. Die letzten 20 Jahre verbringt der 1881 geborene Picasso mit der mehr als vier Jahrzehnte jüngeren Jacqueline Roque. Nach einer frühen Ehe mit der Tänzerin Olga Koklowa ist sie die zweite Geliebte, die er heiratet.

Keine seiner Musen porträtiert Picasso so oft wie die kleine Französin mit dem bläulich schimmernden schwarzen Haar und dem klassisch mediterranen Gesicht. Und wie keine ihrer vielen Vorgängerinnen widmet Jacqueline ihr Dasein ganz dem als Künstler wie als Egozentriker begnadeten Geliebten. Ausgezehrt und von Depressionen gequält beendet Jacqueline Picasso 13 Jahre nach dem Tod des vergötterten Meisters ihr eigenes Leben, das nie ihr eigenes war. Sie wird nur 59 Jahre alt.

Picasso, der Sonnenkönig

Die 1927 geborene Töpferin lernt den Maler 1953 kennen. Der damals bereits über 70-Jährige durchlebt nach der Trennung von Françoise Gilot gerade eine tiefe Krise. Nie wird er der Mutter seiner Kinder Claude und Paloma verzeihen, dass sie ihn als einzige Frau je verlassen hat. Bei Picasso, offenbart Gilot, müsse man immer für alles gewappnet sein. "Man konnte sich nie ganz fallen lassen, sonst nutzte er diesen Moment der Schwäche sofort aus, um einen niederzumachen." Jacqueline Roque dagegen erliegt wie so viele vor ihr dem charismatischen Egomanen.

Sie nennt ihn ihre "Sonne" oder "Monseigneur" und gibt Picasso mit Hingabe die Kraft, seine ungeheure Kreativität trotz des Alters kindlich-ungebremst ausleben zu können. In symbiotischer Verbundenheit erträgt sie seine teils bizarren Ticks und Ängste. Als "geradezu absolutistisch" beschreibt der Leiter des Münsteraner Picasso-Museums, Markus Müller, das Herrschaftsgebaren des Maler-Genies in seinen späten Jahren. "Manche sprechen von psychischem Kannibalismus, wie Picasso die Energien seines Umfelds aufgesogen hat."

Lebensbestimmung erfüllt

Eine Scheidung von Olga Koklowa, mit der er seit 1918 verheiratet war, hatte Pablo Picasso stets aus finanziellen Gründen abgelehnt. Fünf Jahre nach deren Tod heiratet er im März 1961 Jacqueline Roque. Die Ehe wird kinderlos bleiben. Hunderte Mal sitzt ihm seine "Espagnole", seine klassische "Spanierin", in der großen Villa "La Californie" bei Cannes Modell. Meisterwerke wie "Bildnis MadameZ" oder "Jaqueline im Atelier" entstehen, fast immer im Profil. Als Pablo Picasso am 8. April 1973 stirbt, bricht seine Frau, ihres Zentralgestirns beraubt, zusammen.

Fotos aus jener Zeit zeigen Jacqueline, so beschreibt es Picasso-Kenner Müller, mit völlig abgehärmtem Gesicht und abwesendem Blick. Alkohol und Tabletten haben deutliche Spuren hinterlassen. Doch Picasso bleibt sie bis zur völligen Selbstaufopferung verbunden. Als akribische Nachlassverwalterin ordnet sie das riesige Erbe Picassos, beschenkt Museen und sorgt für die Fertigstellung des großen Picasso-Museums in Paris. "Damit", sagt Markus Müller, "war ihre Lebensbestimmung vollendet." Am 15. Oktober 1986 erschießt sich Jacqueline Picasso in ihrer Villa mit einer Pistole.

Stand: 15.10.2011

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