6. April 1990 - Anschlag auf Rembrandts "Nachtwache"

Rembrandts "Nachtwache"

Stichtag

6. April 1990 - Anschlag auf Rembrandts "Nachtwache"

Eine vermeintlich ehrenwerte Gesellschaft versammelt sich im 17. Jahrhundert um den Hauptmann Frans Banning Cocq. Eine Schützenkompanie im Moment des Aufbruchs, die für Freiheit und Gerechtigkeit einsteht und gegen die spanische Herrschaft kämpft. So hat Rembrandt van Rijn 1642 sein bekanntestes Bild die "Nachtwache" inszeniert, die eine Amsterdamer Gilde für ihren Festsaal in Auftrag gegeben hatte. Heute zählt Rembrandts Meisterwerk neben der Mona Lisa von da Vinci und Michelangelos Fresken für die Sixtinischen Kapelle zu den berühmtesten Bildern der Welt. Tausende Besucher stehen täglich vor dem knapp vier mal fünf Meter großen Gemälde im niederländischen Rijks-Museum in Amsterdam.

Auch ein 31-jähriger Mann reiht sich am 6. April 1990 in die Besucherschar ein. Plötzlich tritt der Niederländer vor das Bild und spritzt konzentrierte Schwefelsäure auf die Leinwand. Die Aufseher greifen sofort ein, entfernen die ätzende Flüssigkeit und verhindern so Schlimmeres. Die Säure hinterlässt auf der linken Seite des Bildes einen hellen Fleck und mehrere Spritzer. "In dem Fall ist nur der Firnis, also der Schutzanstrich, angegriffen worden und nicht die Farbe", sagt Gregor Weber, Leiter der Abteilung Bildende Kunst im Rijks-Museum. Der Schaden wird schnell behoben. Für den Täter ordnen die Richter eine psychiatrische Behandlung an; er soll geistig verwirrt und an diesem Freitag unter Medikamenten gestanden haben.

"Der Allmächtige hat es befohlen"

Es ist nicht der erste Angriff auf die "Nachtwache": 1915 begießt ein arbeitsloser Schuhmacher das Bild mit Farbe, er will mit der Tat die Welt auf die Hungersnot in den Niederlanden aufmerksam machen. 60 Jahre später sticht ein arbeitsloser Lehrer mit einem stumpfen Messer ein Dutzend Mal auf das riesige Bild ein. Der 39-Jährige stammelt nach der Tat: "Der Allmächtige gab es mir ein. Ich musste seinem Befehl gehorchen." Er wird in die Psychiatrie nach Eindhoven eingewiesen, wo er sich ein Jahre später das Leben nimmt.

Doch warum zerstören Menschen Kunst? "Es geht gar nicht um die 'Nachtwache'", sagt der Museumsfachmann Weber. "Ein berühmtes Stück wird zum Anlass genommen, irgendeine Botschaft zu vermitteln." In den meisten Fällen sind die Täter - wie bei den drei Anschlägen auf das berühmte Rembrandt-Bild - geistig verwirrt. "Etwas sehr Bekanntes, was viele Leute schätzen, soll in die Schlagzeilen kommen und damit man selbst", erklärt Weber die Motivation der Täter. So wie Hans-Joachim Bohlmann, der in den 70er und 80er Jahren in Deutschland immer wieder mit Säure gegen Gemälde vorgeht. Unter anderen beschädigt er 1988 drei Dürer-Bilder in München und gibt als Motiv den "Hass auf die Allgemeinheit" an. Bohlmann wird wiederholt verurteilt, verbringt mehrere Jahre in Haft und in der Psychiatrie.

Berühmt für einen Tag

Andere Zerstörer fühlen sich durch die Kunst direkt provoziert: 1972 geht ein 34-jähriger Australier mit Fäusten und Hammer auf Michelangelos Pietà los, weil die kindliche Madonna in seinen Augen Teufelswerk ist. Oder sie fühlen sich selbst als Künstler wie der russische Maler Alexander Brener, der 1997 ein grünes Dollarzeichen auf ein Gemälde von Malewitsch sprüht. Mit dieser Aktion wolle er in den Dialog mit seinem Kollegen treten. Zerstörung aus Größenwahn: Einmal Furore machen, einmal ein Künstler sein wie Rembrandt.

Nicht erst seit dem Säureattentat auf die "Nachtwache" diskutiert die Kunstszene, wie man Bilder besser schützen kann. Soll man nur noch Kopien ausstellen und die Originale gut verpackt im Tresor aufbewahren? Oder die wertvolle Kunst hinter Sicherheitsglas präsentieren? So trennt heute Panzerglas die Besucher des Petersdoms von Michelangelos Pietà. Keine Lösung für die Niederländer: "Das können Sie bei der 'Nachtwache' nicht machen. Das wäre einfach viel zu groß und wäre natürlich auch überhaupt nicht schön", sagt Weber. Stattdessen setzt das Museum auf gut ausgebildete Aufseher, die den Betrachter längst gescannt haben, noch bevor er sich in die erste Reihe vorgearbeitet hat. Eine diskrete Bürgerwehr für die berühmteste Bürgerwehr.

Stand: 06.04.2015

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