24. Dezember 1914 - Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg

Britische und deutsche Soldaten an der Westfront während des inoffiziellen Weihnachtsfriedens (Dezember 1914)

Stichtag

24. Dezember 1914 - Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg

"Kurz nach Sonnenuntergang am 24. Dezember stellten die Deutschen Laternen auf die Wälle ihrer Schützengräben und begannen zu singen", schreibt der britische Soldat J. Selby Grigg nach dem ersten Weihnachtsfest im Ersten Weltkrieg nach Hause. "Das Feuer wurde auf beiden Seiten eingestellt, und beide - Deutsche und Engländer - krabbelten aus ihren Gräben. Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang trafen sich kleine Gruppen von beiden Seiten im Niemandsland zwischen den feindlichen Linien." Auch Grigg ist damals im Winter 1914 dabei, zusammen mit seinem Kameraden Turner, der eine kleine Kamera dabei hat.

Dem Brief in die Heimat legt Grigg ein paar Schnappschüsse aus Flandern bei. Auch das Foto, das oben abgebildet ist. Darauf ist er vermutlich - als Zweiter von rechts - im Hintergrund zu sehen. Insgesamt schauen neun Soldaten in die Kamera. Wer Brite und wer Deutscher ist, erkennen nur Spezialisten wie Historiker Christian Bunnenberg: "Es sind zwei britische Soldaten auf dem Bild zu sehen." Sie stehen rechts und links neben dem Einzigen, der sofort als Deutscher auffällt, weil er eine typisch preußische Pickelhaube trägt.

"Ohne jede Verabredung"

Rückblende: Der Krieg beginnt für die Deutschen mit Siegesmeldungen. Sie überrennen Belgien, doch dann kommt die Offensive im Westen ins Stocken. Im November 1914 liegen sich Alliierte und Deutsche gegenüber. Schützengräben werden ausgehoben. "Kurz vor Weihnachten erfolgten heftige Regenfälle und in den Gräben stieg das Wasser", schreibt der deutsche Offizier Prinz Ernst Heinrich von Sachsen. Um die Stellungen zu befestigen, müssen die Soldaten die Deckung aufgeben. So geschieht schon Tage vor Weihnachten höchst Erstaunliches: "Ohne jede Verabredung ergab sich, dass man nicht mehr aufeinander schoss." Dann sei alles sehr schnell gegangen. "Man arbeitete ohne Gewehr, sah sich an, winkte sich zu, begrüßte sich und bot gegenseitig Zigaretten an."

"In der Nähe der belgischen Stadt Ypern lagen sich englische und deutsche Soldaten in den Schützengräben gegenüber", heißt es später in einer englischen Zeitung. "Von der deutschen Linie kamen Klänge des Liedes 'Silent Night'. Am Ende riefen die Deutschen: 'Komm, Tommy, jetzt bist Du dran!' Plötzlich entdeckten die britischen Soldaten die Umrisse eines Deutschen vor dem Winterhimmel. Er näherte sich ihnen und sang 'Stille Nacht, Heilige Nacht'. Langsam und mit verständlicher Vorsicht krochen Soldaten beider Seiten aus ihren Gräben."

Andenkentausch, Gräben-Sightseeing, Fußballspiel

So oder ähnlich beginnen inoffizielle Waffenstillstände an verschiedenen Abschnitten der rund 750 Kilometer langen Westfront. Es habe nicht einen umfassenden Weihnachtsfrieden gegeben, sondern viele lokale friedliche Begegnungen. "So kann es sein, dass in einem Abschnitt Ruhe herrschte, die Soldaten Lebensmittel und Andenken tauschten, während nur wenige Gräben weiter der Krieg in unverminderter Härte fortgesetzt wurde", sagt Historiker Bunnenberg.

Je länger nicht gekämpft wird, desto herzlicher wird der Umgang. In einem Frontabschnitt bei Armentières bietet ein englischer Soldat namens Charly Führungen durch die britischen Gräben an. "Ich war mir bewusst, etwas zu erleben, was nur ganz wenigen beschieden ist, nämlich im Krieg den Gegner zu besuchen", erinnert sich ein deutscher Offizier. Auch ein Fußballspiel soll auf den Feldern Flanderns stattgefunden haben. Der genaue Ort ist nicht überliefert, dafür das Ergebnis: Die Deutschen sollen 3:2 gegen die Briten gewonnen haben. Als Erinnerung daran weiht UEFA-Präsident Michel Platini am 11. Dezember 2014 im belgischen Ploegsteert ein Denkmal ein. Es besteht aus einem Kreuz, an dessen Fuß viele Bälle liegen.

Befehlshaber unterbinden Waffenstillstände

Im längsten Fall dauert der Waffenstillstand zwei Wochen. "Von den Weihnachtsfrieden gibt es vielleicht ein Dutzend authentische Bilder", sagt Historiker Bunnenberg. Filmaufnahmen jedoch existierten nicht. Neben Vermerken in Briefen und Tagebüchern gebe es noch einige Zeitungsartikel darüber - vor allem in britischen Blättern. "Während es in Deutschland im Januar 1915 ein Verbot gegeben hat von der Obersten Heeresleitung, dass keine Presseberichte darüber mehr abgedruckt werden dürfen." Aber auch auf britischer Seite sind Friedenszustände nicht gewollt: "Es wurde befohlen, die Truppe sofort abzulösen", erinnert sich ein englischer Soldat. "Die neuen Regimenter bekamen strikten Befehl, auf jeden Deutschen zu schießen, was auch geschah."

Stand: 24.12.2014

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