19. November 1999 - Leichtathlet Dieter Baumann suspendiert

Stichtag

19. November 1999 - Leichtathlet Dieter Baumann suspendiert

Er läuft noch immer jeden Tag. "Das ist doch klar. Zwischen acht und zwölf Kilometer", sagt Dieter Baumann, ehemaliger Leichtathlet, Langstreckenläufer, olympischer Goldmedaillengewinner. Rekorde bricht er schon lange nicht mehr. In einem langen Prozess musste sich Baumann einen neuen Zugang zum Laufen erarbeiten. Inzwischen sei es ein Ausgleich für ihn, er brauche das Laufen, um den Alltag zu schaffen. 14 Jahre zuvor klang das noch anders. "Laufen ist für mich kein Hobby, ich laufe nach einem Plan", sagte er im Jahr 2000 in einem Interview mit dem Tagesspiegel. "Man macht Leistungssport nicht, um ausgeglichener zu werden, um Sorgen zu kompensieren, sondern um ein Ziel zu erreichen."

Zeitung: "Prominentester Saubermann der Nation"

Im September 2003 hatte Baumann seine Laufkarriere beendet. Sein größter Triumph waren die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona. Er gewinnt die Goldmedaille über 5.000 Meter. Der Schwabe, geboren 1965 in Blaustein, wird zum Star, gilt als Vorzeigeathlet. Wie kein zweiter Sportler kämpft er gegen Doping. Er fordert wiederholt strengere Kontrollen und härtere Strafen, zum Beispiel eine Sperre von vier Jahren statt zwei Jahren für gedopte Sportler. Zudem kritisiert er die Doping-Praxis in der ehemaligen DDR und spricht sich dagegen aus, die dafür verantwortlichen Trainer weiter zu beschäftigen. Die FAZ nennt ihn den "prominentesten Saubermann der Nation".

Doch ein Jahr später, im Herbst 1999, wird Baumann bei einer Trainingskontrolle selbst positiv auf das unerlaubte Mittel Nandrolon getestet, einen Klassiker unter den Doping-Mitteln. Am 19. November 1999 suspendiert der Deutsche Leichtathletik-Verband den Olympiasieger mit sofortiger Wirkung.

Baumann: "Mit mir selbst bin ich absolut im Reinen"

Baumann wehrt sich. "Ich habe nichts genommen, aber ich habe eine positive Probe. Diese spricht gegen mich und ich muss in irgendeiner Form etwas tun, damit sie entkräftet wird", sagt er damals. Um die Quelle zu finden, beauftragt er ein Forschungslabor, seine Wohnung nach verbotenen Substanzen zu durchsuchen. Tatsächlich entdecken die Detektive den verbotenen Stoff schließlich in der Zahnpastatube. Sportexperten können es kaum glauben. "Bei jedem anderen Sportler hätte ich gesagt: Junge, also du hättest dir eine etwas bessere Ausrede einfallen lassen müssen", sagt zum Beispiel der ehemalige Sportmoderator Heribert Faßbender. Baumann und Doping, das ist, als wäre Joachim Gauck, damals Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, als IM der Stasi enttarnt worden, sagen einige Sportjournalisten.

Dieter Baumann bleibt bei seiner Version: Das Nandrolon in der Zahnpasta soll ein gezielter Anschlag gegen ihn gewesen sein. Aus der Dopingaffäre wird ein mysteriöser Kriminalfall, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Der Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes spricht Baumann zwar frei. Doch der internationale Verband sperrt ihn schließlich für zwei Jahre. Auch vor Gericht kann Baumann seine Unschuld nicht eindeutig beweisen. "Das war eine sehr intensive, eine sehr belastende Zeit, die ich niemandem wünschen mag. Auch nach 15 Jahren muss ich sagen: Da gibt es nichts schönzureden, es war richtig hart, richtig hart", sagt Baumann rückblickend. Heute betreut er ein Sportprojekt für jugendliche Strafgefangene und läuft mit ihnen Halbmarathon. "Mit mir selber bin ich absolut im Reinen", sagt Baumann.

Stand: 19.11.2014

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