27. August 1914 - Volksschauspielerin Heidi Kabel wird geboren

 Heidi Kabel (mit Otto Lüthje) in Filmszene, 1966

Stichtag

27. August 1914 - Volksschauspielerin Heidi Kabel wird geboren

"Schön bist du, Elfenkönigin – so schlank und edel und so zart…" Dieses Poem widmet der Schriftsteller Wolfgang Borchert in jungen Jahren einer Freundin. Die Hamburger und später auch das Fernseh-Publikum lernen die Angebetete von einer anderen Seite kennen: so schrullig und derb - und so kratzbürstig.

Borcherts Elfenkönigin ist niemand anders als Heidi Kabel, vor 100 Jahren in Hamburg geboren und sechs Jahrzehnte lang der große Star des Ohnsorg-Theaters. Kittelschürze, Kopftuch und ein loses Mundwerk sind Kabels Markenzeichen, Hausdrachen, Tratschtanten und Krawallschachteln ihre Paraderollen.

Als Mitläufer durch die NS-Zeit

Als Tochter eines Druckereibesitzers kommt Heidi Bertha Auguste Kabel 1914 in der Großen Bleichen zur Welt. Direkt gegenüber findet 22 Jahre später der Bibliothekar Richard Ohnsorg eine Bleibe für seine Niederdeutsche Bühne Hamburg. Heidis Lebensweg entscheidet sich, als sie eine Freundin zum Vorsprechen dorthin begleitet. "Wir saßen da und hingen den Schauspielern an den Lippen", erzählt sie später. "Dann wurden aber einige krank und wir durften einspringen. So bün ick darin komm."

Nach einer Ausbildung an dem kleinen Theater hebt sich 1933 das erste Mal der Vorhang für Heidi Kabel. Damals verliebt sie sich in den 14 Jahre älteren Kollegen Hans Mahler. 1937 heiratet das Paar und bekommt drei Kinder. Mit Tochter Heidi Mahler wird die Kabel über 30 Jahre zusammen auf der Bühne stehen. Nach Kriegsbeginn 1939 drängt die Schauspielerin ihren Mann zum Partei-Eintritt, sie selbst schließt sich der NS-Frauenschaft an. Deshalb wird das Paar nach 1945 als opportunistische Mitläufer von Kollegen gemieden; die Türen des Ohnsorg-Theaters bleiben verschlossen. Auch Theaterchef Richard Ohnsorg ist den britischen Besatzern nicht mehr genehm.

Rastlose Karriere auf allen Kanälen

Heidi Kabel schultert ihr Schifferklavier und geht auf Tingeltour durch Hamburgs Kneipen. 1947 erlaubt ihr die Besatzungsbehörde die Rückkehr ins Ohnsorg-Theater, zwei Jahre später übernimmt ihr Mann die Intendanz. Von nun an geht es steil bergauf. Pausenlos steht Heidi Kabel auf der Bühne, eine Premiere jagt die nächste, nahezu jede Vorstellung ausverkauft. Mit kongenialen Partnern wie Henry Vahl und Otto Lüthje wird Heidi Kabel zum Kassenmagneten des Ohnsorg-Theaters. Als das Fernsehen ab 1954 die Schwänke live aus Hamburg überträgt – natürlich immer mit Heidi Kabel – feiern 80 Prozent der deutschen TV-Haushalte mit Sekt und Salzstangen einen lustigen Theaterabend vor der Röhre.

Die Volksschauspielerin gönnt sich keine Pause, auch nicht nach dem Tod ihres Mannes Hans Mahler 1970. In über 160 plattdeutschen Stücken tritt Heidi Kabel auf, auch in mehreren Kino-Komödien gibt sie die Quasseltante von der Waterkant. Im Fernsehen spielt sie mit ihrem rheinischen Kollegen Willy Millowitsch die Sketchserie "Kabillowitsch" und löst in den 80ern als "Tante Tilly" Kriminalfälle. Am Silvesterabend 1998 verabschiedet sich die Volksschauspielerin auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters von ihrem Publikum. In ihren letzten Lebensjahren erkrankt Hedi Kabel an Demenz. Mit 95 Jahren stirbt sie am 15. Juni 2010. In Bronze verewigt begrüßt die Tratschtante der Nation heute die Gäste vor "ihrem" Ohnsorg-Theater.

Stand: 27.08.2014

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