8. Mai 1944 - Widerstandsgruppe "Europäische Union" wird hingerichtet

Robert Havemann, Chemiker

Stichtag

8. Mai 1944 - Widerstandsgruppe "Europäische Union" wird hingerichtet

"Liebe, gute, treue Anneliese, nun ist es soweit: In einer halben Stunde wird das Urteil vollstreckt", schreibt Georg Groscurth in seinem Abschiesbrief an seine Frau. Der Arzt gehört zu den Anführern der "Europäischen Union", einer Widerstandsorganisation gegen die Nationalsozialisten. Am 8. Mai 1944 wird Groscurth zusammen mit dem Zahnarzt Paul Rentsch und dem Architekten Herbert Richter im Zuchthaus Brandenburg mit der Guillotine hingerichtet - nackt und im Abstand von fünf Minuten. Nur einer der vier Todeskandidaten überlebt: der Chemiker Robert Havemann. Seine Forschungen gelten als kriegswichtig.

Die vier bürgerlichen Männer sind von Anfang an Nazi-Gegner. Ihr politisches Ziel ist ein menschlicher Marxismus: Persönliche Freiheit und Sozialismus, Abschaffung der Einzelstaaten, stattdessen ein vereinigtes Europa. Sie verstecken ihre jüdischen Freunde und besorgen ihnen falsche Papiere. Die Gruppe ist gut vernetzt. So arbeitet der Architekt Richter im Stab von Hermann Göring, der Arzt Groscurth behandelt den "Führer"-Stellvertreter Rudolf Heß. Durch ihre Insider-Kontakte erfahren sie unter anderem den Tag des Angriffs auf die Sowjetunion. Über die sowjetische Botschaft geht die Information nach Moskau. Stalin ignoriert sie allerdings.

Zwangsarbeiter als revolutionäres Potenzial

1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, gibt sich die Gruppe den Namen "Europäische Union". "Die Zukunft von morgen wird ein geeintes sozialistisches Europa sein", heißt es in einem Flugblatt. Zusätzlich zur humanitären Hilfe für Verfolgte geht es nun auch um den organisierten Widerstand gegen das Hitler-Regime. Anführen sollen diesen Kampf die Millionen Zwangsarbeiter, zu deren illegalen Netzwerken bereits Verbindungen bestehen. Auf die deutschen Arbeiter setzt die Gruppe nicht mehr: Sie sind aus deren Sicht korrumpiert und zum größten Teil an der Front.

Doch dann begeht der sowjetische Geheimdienst einen stümperhaften Fehler. Ein russischer Agent hat den Namen seines Kontaktmannes zur Widerstandsorganisation auf einer Postkarte dabei, als er von der Gestapo geschnappt wird. Die Gruppenmitglieder und die Aktivisten in den Zwangsarbeiterlagern fliegen auf. Da die Zwangsarbeiter bei den Vernehmungen auch unter Folter schweigen, ist bis heute nicht klar, ob die "Europäische Union" hunderte Menschen in den Lagern erreichte oder bis zu 50.000, wie Havemann nach dem Krieg schätzt. Insgesamt 40 Mitglieder und Anhänger der "Europäischen Union" kommen 1943 vor den Volksgerichtshof. 14 von ihnen werden zum Tod verurteilt.

Vom DDR-Vorzeige-Bürger zum Dissident

Nach Kriegsende lebt Havemann in der DDR und wird Volkskammer-Abgeordneter sowie Professor in Ost-Berlin. Als aktiver Stalinist arbeitet er sowohl für den KGB als auch für die Stasi. Erst als Stalins Verbrechen von seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow öffentlich gemacht werden, beginnt Havemann zu zweifeln. Mitte der 1960er Jahre wird aus ihm ein prominenter Dissident: "Wir müssen versuchen, uns die Welt auszudenken, in der wir leben möchten - jene Welt, in der der Mensch den Menschen nicht mehr bedroht." Das passt nicht zur Ideologie der DDR. Die "Europäische Union" verschwindet deshalb umgehend aus der ostdeutschen Gedenkkultur.

Auch in der Bundesrepublik wird die Widerstandsgruppe nicht gewürdigt, sondern als kommunistische Zelle abgetan. Anneliese Groscurth, die wie ihr Mann zur "Europäischen Union" gehörte, hält trotzdem an ihren Idealen fest: Sie engagiert sich in West-Berlin unter anderem gegen die Wiederbewaffnung und verliert deshalb ihre Anstellung als Ärztin im Charlottenburger Gesundheitsamt. Vom Berliner "Tagesspiegel" wird sie als "kommunistische Hexe" bezeichnet. Erst in den 1990er Jahre wird die Leitstung der Widerstandsorganisation allmählich anerkannt. 2005 verleiht die israelische Gedenkstätte Yad Vashem posthum den Titel "Gerechter unter den Völkern" an Robert Havemann, Paul Rentsch, Herbert Richter sowie an Anneliese und Georg Groscurth. In Berlin ist heute ein Platz nach dem Ehepaar benannt.

Stand: 08.05.2014

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