15. November 1918 - Stinnes-Legien-Abkommen abgeschlossen

Achtstundentag eingeführt (Stinnes-Legien-Abkommen)

Stichtag

15. November 1918 - Stinnes-Legien-Abkommen abgeschlossen

Deutschland im November 1918: Der Weltkrieg ist verloren. Der Kaiser hat abgedankt und hunderttausende Soldaten strömen von der Front zurück in die Heimat. Aus Hunger und Enttäuschung liefern sich viele Menschen blutige Straßenkämpfe. "Die soziale Stimmung war in jeder Beziehung explosiv und angespannt, es gab jede Menge Versorgungsengpässe. Nach dem Krieg sind in Deutschland mehr Menschen verhungert als während des Krieges", erklärt Michael Ruck, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Flensburg. In vielen deutschen Großstädten bilden sich Arbeiter-und Soldatenräte, die offen die Vergesellschaftung der Großindustrie fordern.

Unternehmer haben Angst vor Revolution nach russischem Vorbild

Sozialisten und Sozialdemokraten kämpfen gegeneinander um die Gunst der Arbeiter. Am 9. November ruft SPD-Politiker Philipp Scheidemann die Republik aus, wenige Stunden vor der sozialistischen Konkurrenz. "Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung zur Unehre gereicht, seid einig, treu und pflichtbewusst", sagt er. Die deutschen Unternehmer haben Angst vor einer Revolution nach russischem Vorbild und damit ihrer Enteignung. Nur deshalb setzt sich der Schwerindustrielle Hugo Stinnes im November 1918 mit Gewerkschaftschef Carl Legien an einen Tisch, um ein historisches Bündnis zu schließen. Im Stinnes-Legien-Abkommen akzeptieren die Arbeitgeber erstmals den Achtstundentag in allen Unternehmen der Schwer- und Rüstungsindustrie in Deutschland.

"In den Verhandlungen spielte der Achtstundentag zunächst überhaupt keine Rolle. Erst nachdem die Revolution am 9. November in Berlin angekommen war, setzen die Gewerkschaften, auch mit Blick auf die Massenstimmung, den Preis herauf, wenn man so will", sagt Michael Ruck. Der Gewerkschaftschef Carl Legien hat die Gunst der Stunde erkannt und gepokert.

Kompromiss zwischen Industrie und Gewerkschaften

Legien, der nur zwei Jahre später den rechtsgerichteten Kapp-Putsch mit einem Generalstreik vereitelt, kann es mit den Industrievertretern Hugo Stinnes und Walther Rathenau aufnehmen. "Legien war akribisch, durchsetzungsfähig und konfliktbereit – die Verhandlungsführer waren allesamt Alphatiere, die in ihrem jeweiligen Lager saßen und sich gegenseitig akzeptierten", erklärt der Historiker Ruck. Der Ruhrindustrielle Stinnes benennt Jahre später sogar eins seiner Schiffe nach Legien.

Beide Seiten schließen einen Kompromiss: Die Industriellen behalten ihre Fabriken und die Gewerkschaften erkennen die bestehende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung des Kapitalismus' an. Dafür können die Gewerkschaften nicht nur den Achtstundentag durchsetzen, sondern erhalten Verhandlungsmacht. Die Unternehmerseite macht sie zum einzig legitimen Vertreter der Arbeiterschaft in den Betrieben.

"Das deutsche Volk kann nicht zwei Stunden weniger arbeiten"

Doch an das gemeinsame Abkommen hält sich Hugo Stinnes langfristig nicht. 1923 kann Deutschland den Reparationsforderungen nicht mehr nachkommen, französische und belgische Truppen besetzen das Ruhrgebiet. Da kündigen die Arbeitgeber den Achtstundentag wieder auf, allen voran Hugo Stinnes. "Es ist höchste Zeit, dem Deutschen Volk zu sagen, dass es nicht gleichzeitig einen Krieg verlieren und zwei Stunden weniger arbeiten kann", sagt er.

Stand: 15.11.2013

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