23. September 1973 - Einführung der Notrufnummern 110 und 112

Telefon-Wählscheibe mit Aufschriften "110 Polizei" und "112 Feuerwehr"

Stichtag

23. September 1973 - Einführung der Notrufnummern 110 und 112

"Der Notruf der Polizei in Münster, wie können wir helfen?" Etwa 60.000 Mal im Jahr wird dieser Satz alleine in Münster gesagt, wenn Bürger die Telefonnummer 110 gewählt haben. Nicht immer geht es um kleine oder große Katastrophen. "Mehr als 10.000 Anrufer", berichtet Polizeihauptkommissar Wolfgang Vollmar, "wollen nur die Uhrzeit wissen, ein Taxi rufen oder eine Pizza bestellen."

Nicht anders ergeht es den Feuerwehr-Leitstellen, die über die Nummer 112 zu erreichen sind. "Rund 90 Prozent der Anrufe befassen sich mit Ereignissen, die mit Feuer nichts zu tun haben", hat der Bielefelder Soziologe Jörg Bergmann ermittelt. Doch ganz gleich, ob es sich um Lappalien oder ernste Vorkommnisse handelt: In ganz Deutschland können sich die Menschen rund um die Uhr darauf verlassen, dass jemand den Hörer abnimmt, wenn die 110 und 112 gewählt wird.

Ein kleiner Junge muss sterben

Vor 40 Jahren sieht die Realität noch anders aus. Damals gibt es die Notrufnummern nur in Großstädten, nur in knapp 150 von 3.785 deutschen Ortsnetzen. Wer in Kleinstädten oder auf dem Land in Not gerät, muss im Telefonbuch nach einer Polizeistelle oder dem nächsten Krankenhaus suchen. Dienststellen sind über Nacht und an Wochenenden unbesetzt; Notrufmelder an Land- und Bundesstraßen gibt es ebenso wenig wie Krankenwagen mit Funkgeräten. Regelmäßig sterben Menschen, weil Retter zu spät alarmiert werden. So geschieht es auch am 3. Mai 1969 im baden-württembergischen Winnenden.

Auf dem Heimweg vom Schwimmbad wird der achtjährige Björn Steiger von einem Auto erfasst. Seine Verletzungen sind nicht schwer, doch der Junge erleidet unter Schock einen Atemstillstand. Obwohl Polizei und Rotes Kreuz sofort benachrichtigt werden, kommt der Krankenwagen erst nach 56 Minuten zur Unfallstelle. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt Björn. Seine Eltern Ute und Siegfried Steiger forschen nach den Umständen der tödlich verlaufenen Rettungsaktion. Sie finden heraus: Ihr Sohn hatte nicht einfach Pech, dass der Rot-Kreuz-Wagen zu spät kam. Es ist beinahe der Normalfall.

Leben retten als Lebensaufgabe

Zwei Monate nach Björns vermeidbarem Tod gründet das Architekten-Ehepaar mit Freunden eine Stiftung. Unter dem Motto "Helft Menschen retten" kämpft die Björn-Steiger-Stiftung für die Einrichtung eines bundesweiten Notrufs. Hartnäckig machen Siegfried und Ute Steiger Druck auf Politik, Postbehörden und Rettungseinrichtungen. In über 6.000 Briefen an Ministerpräsidenten, den Verkehrsminister Georg Leber, an Abgeordnete und Bürgermeister fordern sie ein zentrales Rettungssystems. Erst wenn die Forderungen der Stiftung erfüllt werden, lässt Siegfried Steiger die Länderinnenminister wissen, "wird man Sie von der Verantwortung für den Tod tausender Menschen freisprechen können."

Im September 1973 klingelt bei den Steigers das Telefon. Am Apparat ist Bundespostminister Horst Ehmke (SPD). "Gerade haben wir die Einführung der Notrufnummern 110 und 112 beschlossen", sagt Ehmke. "Ihr Dickschädel hat sich durchgesetzt." Doch mit diesem Etappensieg geben sich die Steigers nicht zufrieden. Ihre Stiftung organisiert ein 24-Stunden-Notarztsystem, finanziert 7.000 Notrufsäulen an deutschen Straßen und lässt moderne Rettungswagen entwickeln und bauen. Auch die Einrichtung der Deutschen Rettungsflugwacht wird von der Björn-Steiger-Stiftung initiiert. Mit der Kampagne "Kampf dem Herztod" engagiert sie sich seit 2001 für die öffentliche Verbreitung von Elektroschockern zur Wiederbelebung.

Stand: 23.09.2013

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