23. Juli 1971 - Georg Leber kündigt "Tempo 100" an

Stichtag

23. Juli 1971 - Georg Leber kündigt "Tempo 100" an

Ein trauriger Rekord: 1970 werden in der Bundesrepublik im Straßenverkehr über 19.000 Menschen getötet. Mehr als fünf Mal so viele wie im Jahr 2010. Ein Tempolimit gibt es damals nur innerhalb geschlossener Ortschaften. Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD) sieht Handlungsbedarf: "Der Staat muss an sich etwas tun, dass wir von den hohen Todesziffern und den Unfallziffern herunterkommen." Leber kündigt am 23. Juli 1971 an, die Höchstgeschwindigkeit auf 100 Stundenkilometer zu begrenzen. Freiheit dürfe nicht mit Hemmungslosigkeit verwechselt werden.

Lebers Vorstoß löst heftigen Widerstand aus. Die Automobil-Clubs laufen Sturm, und der "Spiegel" schreibt: "Mit Tempo 100 aufs Abstellgleis". Im März 1972 tritt die entsprechende Verordnung dennoch in Kraft. Das Tempolimit gilt allerdings nur auf zweispurigen Bundes- und Landstraßen. "Eine generelle Höchstgeschwindigkeit auf den Autobahnen ist für absehbare Zeit nicht vorgesehen", so Leber.

Tempo 130 als Richtgeschwindigkeit

Nach der Ölkrise von 1973 will Lebers Nachfolger Lauritz Lauritzen (SPD) auch auf den Autobahnen eine Begrenzung einführen. Doch die Auto-Lobby wehrt sich erneut: Der ADAC macht mit der Formel "Freie Fahrt für freie Bürger" mobil und die Autoindustrie sieht tausende Arbeitsplätze in Gefahr. Nach langem Hin und Her steht am Ende Tempo 130 - allerdings nur als empfohlene Richtgeschwindigkeit. Der Minister ist ungehalten: "Dass starke Organisationen und Interessenverbände in dieser Frage sehr lebhaft sind, das haben wir ja alle miterlebt."

Die Richtgeschwindigkeit gilt bis heute. Weder der Sicherheitsaspekt noch das Waldsterben noch der Klimawandel können das Rasen auf den Autobahnen bisher verhindern. "Die deutsche Automobilindustrie versucht sich weltweit so zu positionieren, dass sie eben nicht nur Premium in Richtung Qualität, sondern eben auch Premium in Richtung Beschleunigung und Geschwindigkeit darstellt", sagt Mobilitätsforscher Karl Otto Schallaböck vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie.

"Angstlust" auf Geschwindigkeit

Auch 2010 ist die "nicht angepasste Geschwindigkeit" Unfallursache Nummer eins. Während Frauen vorsichtiger am Steuer agieren, ist Geschwindigkeit vor allem Männersache, sagt der Hamburger Verkehrspsychologe Rüdiger Born. Männer verkörperten "in unserer Gesellschaft eher Werte wie Durchsetzungsfähigkeit oder das Erreichen und Überschreiten, Hinausschieben von Leistungsgrenzen". Hinzu komme, ergänzt Schallaböck, die sogenannte Angstlust, also das Bedürfnis, Spaß an der Angst zu haben: "Es soll nicht gefährlich sein, aber es soll ängstlich machen."

Deutschland wird auf absehbare Zeit auch weiter das einzige Land bleiben, in dem es auf Autobahnen kein generelles Tempolimit gibt. Das hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bereits 2007 klar gemacht: "Mit mir wird es das nicht geben." Sie halte "moderne Verkehrsleitsysteme für die richtige Antwort."

Stand: 23.07.11

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