19. September 1963 – WDR-Glosse von Felix Rexhausen gesendet

Biertrinkende Bayern im Jahr 1963

Stichtag

19. September 1963 – WDR-Glosse von Felix Rexhausen gesendet

Mit Bayern und dem Rest von Deutschland ist etwas zusammengewachsen, was nicht zusammengehört. Das jedenfalls behauptet der 31-jährige Felix Rexhausen, freier Hörfunkautor des WDR, am 19. September 1963 in seiner Glosse "Mit Bayern leben".

Immer, wenn er etwas Ärgerliches in der Zeitung läse, habe es etwas mit dem Freistaat zu tun, erklärt Rexhausen darin. "Ich bin sicher, verehrte Hörer, dass viele von Ihnen so denken wie ich und sich fragen: Haben wir das eigentlich nötig? Warum rechnen wir Bayern überhaupt zu unserer Nation?"

"In Scheiße getaucht"

Innerhalb der ARD finden viele Kollegen die satirischen Attacken der nur vier Minuten und 47 Sekunden langen Glosse witzig und zutreffend - so auch Fernsehkorrespondent Gerd Ruge, der damals viel mit Rexhausen zusammenarbeitet: "Von Bayern her kamen ständig Angriffe – und das fanden wir jetzt ganz nett, dass da mal gegengehalten wurde".

Aber es ist auch klar, dass Bayern nicht stillhalten kann. Zwei Tage nach der Ausstrahlung der Glosse bricht eine Lawine von Protestbriefen über den Autor herein. "Lieber Rexi, solltest du nach Bayern kommen, wirst du in Scheiße getaucht", heißt es in einem davon. Und in einem anderen fordert ein aufgebrachter Hörer den Verfasser "wegen diesem Verbrechen gegen das bayerische und deutsche Volk" zum Pistolenduell.

Die Posse zur Glosse

Vor allem von politischer Seite hat die Glosse ein Nachspiel: Wohl auf Weisung des CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß fordert der bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel "im Namen des Freistaats, dass der Westdeutsche Rundfunk die geeigneten Schritte zur Wiederherstellung der Ehre Bayerns unternimmt". Auch der scheidende Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) solidarisiert sich mit den Geschmähten und bezeichnet die Glosse Rexhausens als "eine Sünde gegen den demokratischen Gedanken". Alle Hinweise darauf, dass es sich bei "Mit Bayern leben" um eine Satire gehandelt habe, laufen ins Leere.

WDR-Intendant Klaus von Bismarck muss reagieren. In einer Pressemitteilung erklärt er nüchtern den Unterschied zwischen einer Glosse und einem "politischen Sachkommentar". Trotzdem wächst der Unmut in den Reihen der Politik beständig. Aus der Frage, was Rundfunk darf, ist längst eine Grundsatzdiskussion über die Meinungsfreiheit der Presse geworden.

Merkwürdiger Kompromiss

Um die CDU-Vertreter im Verwaltungsrat des WDR zu besänftigen und eine große Krise für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu vermeiden, einigt man sich auf einen merkwürdigen Kompromiss: Felix Rexhausen darf weiter für den Sender arbeiten – allerdings nicht mehr unter seinem Namen.

Das hat der Autor auch gar nicht mehr nötig: Durch die Posse zur Glosse berühmt geworden, holt Rudolf Augstein Rexhausen persönlich zum "Spiegel" nach Hamburg. Später ist er als Satiriker für den NDR und mit Büchern erfolgreich. Er stirbt 1992 in Hamburg.

Stand: 19.09.2013

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.05 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 19. September 2013 ebenfalls an Rexhausens Glosse. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.