28. August 1988 - Flugschaukatastrophe von Ramstein

Feuerball um Flugzeug nach Crash mit Maschinen der Frecce Tricolori

Stichtag

28. August 1988 - Flugschaukatastrophe von Ramstein

Ramstein-Miesenbach ist ein unspektakuläres Städtchen in der Westpfalz, rund 20 Kilometer von Kaiserslautern entfernt. Geprägt wird das Leben der knapp 8.000 Einwohner durch die Nachbarschaft zur Ramstein Air Base, dem Hauptquartier der Luftstreitkräfte der USA in Europa. Mit rund 35.000 Militärangehörigen ist es die größte Einrichtung der US Air Force außerhalb der Vereinigten Staaten.

Bis 2005 lagerten in Ramstein Hunderte von Atomsprengköpfen. Etwas abseits der Zufahrt zur Air Base steht eine Gedenktafel mit 70 Namen und Geburtstagen – und darüber ein einziges Todesdatum: der 28. August 1988. Der Tag einer verheerenden Katastrophe, die mindestens 70 Menschen tötete und unter deren Schrecken viele Überlebende bis heute leiden.

Der Tod fällt vom Himmel

Für eine Flugschau könnte das Wetter nicht besser sein. Rund 350.000 Menschen strömen an jenem August-Sonntag zum traditionellen Tag der offenen Tür auf das riesige Areal der Air Base. Bei Cola, Barbecue und bester Laune wollen sie aus nächster Nähe das fliegende US-Waffenarsenal und waghalsige Kunststücke der Piloten bestaunen. Stadtrat, Bürgerinitiativen, evangelische Kirche und der Landkreis Kaiserslautern hatten lautstark gegen den Flugtag protestiert. Doch das Bundesverteidigungsministerium verwies auf eingehaltene gesetzliche Bestimmungen und erklärte lapidar, die Veranstaltung stelle "die Einsatzbereitschaft der Piloten unter Beweis".

"Ladies and Gentlemen: The Frecce Tricolori", kündigt der Sprecher gegen 15.40 Uhr eine Attraktion an. Die berühmte Kunstflugstaffel Italiens fliegt als einzige der Welt mit zehn Jets gleichzeitig. Zur Figur "durchstoßenes Herz" rasen neun "Dreifarbige Pfeile“ fächerartig steil in den Himmel und dann nach einem Looping aufeinander zu; die zehnte Maschine soll zwischen ihnen durchstoßen. Doch der Solo-Pilot erreicht den Kreuzungspunkt zu früh. Seine "Aermacchi MB 339A" kollidiert mit zwei Maschinen und zerschellt mitten in der Zuschauerfront. In Sekundenbruchteilen frisst sich eine Feuerwalze aus explodierendem Kerosin und Wrackteilen hunderte Meter weit in die Menge. Die beiden anderen Jets stürzen unbeobachtet weiter entfernt ab.

Keine Entschädigung für seelisches Leid

34 Opfer sterben sofort in dem Inferno; etwa 1.000 Menschen werden verletzt, mindestens 450 davon schwer. Auf der Air Base bricht das Chaos aus, unter den Besuchern ebenso wie unter den Verantwortlichen und Rettern. Einsatzpläne für eine derartige Katastrophe gibt ebenso wenig wie eine Leitstelle. Die wenigen Notärzte sind völlig überfordert, weitere werden zu spät angefordert. Medizinische Ausrüstung amerikanischer und deutscher Sanitäter erweist sich als nicht kompatibel. Planlos, ohne Erstversorgung und Absprache mit Kliniken, schaffen Militärangehörige Schwerstverbrannte mit Helikoptern, Krankenwagen und Bussen von der Air Base weg.

Noch Stunden nach dem Absturz irren ortsunkundige Fahrer auf der Suche nach einem Krankenhaus durch die Pfalz. Insgesamt sterben neben drei Piloten der "Frecce Tricolori" 67 Menschen an den direkten Folgen des Flugschau-Infernos. Zahllose Betroffene, Hinterbliebene und Augenzeugen kommen von dem Erlebten nicht mehr los. Sie leiden unter furchtbaren Entstellungen oder erkranken an Depressionen; einige nehmen sich später das Leben. Eine Klage auf Entschädigung einiger Opfer für ihr erlittenes seelisches Leid wird 2003 vom Landgericht Koblenz wegen Verjährung abgelehnt.  

Stand: 28.08.2013

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