26. Juli 1918: Branntweinmonopol in Deutschland errichtet

Branntweinmonopolgesetz

Stichtag

26. Juli 1918: Branntweinmonopol in Deutschland errichtet

600 münstersche Regenwürmer in ein Maß Branntwein geben und nun in einem Leinenbeutel auf die Knie legen - dieses Rezept verordnet der Stadtarzt Dr. Rottendorff Mitte des 17. Jahrhunderts gegen lästiges Wanken in den Beinen. Branntwein gilt als Heilmittel bei Brandwunden und Verstauchungen, bei Fieber, Zahnweh und Koliken. Dass es manche Leute mit der Einnahme des "Heilmittels" übertreiben, zeigt das "Preußische Wörterbuch" von 1785. Es enthält Einträge wie "pudeldick besoffen" oder "betrunken wie eine Ackermähre".

Die Menschen sind hinter dem Branntwein her

Branntwein kann aus allen Stoffen hergestellt werden, die zuckerhaltig sind oder aus denen vergärfähiger Zucker erzeugt werden kann. Getreide eignet sich besonders gut. 13.000 Körner stecken in einer Flasche Kornbrand, der durch alkoholische Gärung und anschließende Destillation in einem Brenngerät gewonnen wird. "Die Bevölkerung war so hinter dem Branntwein her, dass nicht mehr von einem normalen Leben gesprochen werden konnte. Die Obrigkeit machte es sich zur Aufgabe, den Alkoholismus einzudämmen. Man vergab also gewisse Kontingente, um die Menschen vor dem Alkoholkonsum zu schützen", erklärt Ludwig Wengenmayr, amtlicher Wein- und Spirituosenkontrolleur.

Ungefähr zur gleichen Zeit als die US-Amerikaner nach und nach die Herstellung von Alkohol verbieten, wird in Deutschland das Branntweinmonopol gegründet. Am 26. Juli 1918 unterzeichnet Kaiser Wilhelm II. ein Gesetz zur Beaufsichtigung der Branntweinherstellung. Steuern kassieren, vor selbstgebrannten Spirituosen schützen und die Schnapsbrennereien kontrollieren – all das soll das Branntweinmonopol gewährleisten. Die Regierung ist überzeugt, dass niemand so gut für die Reinheit des Korns garantieren kann wie ein deutscher Staatsbeamter.

Noch immer ist das deutsche Branntweinmonopol einmalig in Europa. Es verpflichtet den Staat, kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Brennereien den Alkohol zu einem festen Preis abzunehmen, ihn zu reinigen und zu vermarkten. Mit 80 Millionen Euro jährlich werden die Betriebe subventioniert. Denn für einen Liter Rohalkohol erhalten die Brennereien rund 1,30 Euro. Auf dem freien Markt würde sie nur etwa 60 Cent pro Liter einnehmen.

"Alle Brennereien in Deutschland sind einfach zu klein"

Aber auf Druck der EU-Kommission wird das deutsche Branntweinmonopol bald abgeschafft. Johannes Böckenhoff, Präsident der deutschen Agrar-Alkoholhersteller, befürchtet, dass die meisten deutschen Schnapsbrennereien den Schritt auf den freien Markt nicht überstehen werden. "90 Prozent aller Brennereien werden ihren Rohalkohol nicht selbst vermarkten können. Verglichen mit dem europäischen Markt sind alle Brennereien in Deutschland einfach zu klein." Die Beihilfen für die etwa 670 Kartoffel- und Getreidebrennereien sollen bereits Ende 2013 eingestellt werden. Für die rund 20.000 kleinen Obstbrennereien wird eine Übergangsfrist bis 2017 gewährt.

Stand: 26.07.2013

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