25. Juli 1908: Geisterrennen bei den Olympischen Spielen in London

Wyndham Halswelle gewinnt das 400-Meter-Finale

Stichtag

25. Juli 1908: Geisterrennen bei den Olympischen Spielen in London

Im Vergleich zu den 11.000 Athleten, die im Sommer 2012 bei den Olympischen Spielen in London antraten, wirken die Wettkämpfe von 1908 beinahe wie Bundesjugendspiele. "Die Athleten damals waren Amateure, Gentlemen-Sportler, die ihren Sport aus Freude und Liebhaberei betrieben haben. Ihre Leistungen hatten nicht den Zweck, Geld einbringen zu müssen", sagt Professor Michael Krüger, Sporthistoriker an der Universität Münster. In den Jahren zuvor – 1900 in Paris und 1904 in St. Louis – waren die Spiele noch unbedeutendes Anhängsel einer Weltausstellung gewesen. In London gastieren erstmals 2.000 Athleten aus 23 Ländern – und die Wettkämpfe stehen im Vordergrund. Doch im 400-Meter-Finale startet nur einen einzigen Teilnehmer: der Brite Wyndham Halswelle.

Die verbliebenen Amerikaner boykottieren den Wettbewerb

Im ersten Finale über die 400-Meter-Strecke trifft er zunächst auf drei US-Amerikaner, darunter John Carpenter. Der läuft zwar als Erster über die Ziellinie, wird aber disqualifiziert. "Carpenter hat den Ellenbogen ausgefahren, um zu verhindern, dass Halswelle ihn noch auf den letzten Metern überholt", erklärt Michael Krüger. Ohne getrennte Bahnen, wie sie heute üblich sind, kommt es damals oft zu Rangeleien. Nach der Disqualifikation des unfairen Siegers wird ein zweites Finale angesetzt – das die beiden verbliebenen Amerikaner boykottieren. Sie weigern sich, nochmals anzutreten. Die besondere Rivalität zwischen Briten und Amerikanern prägt die Olympischen Spiele von London. "Die USA waren auf dem Weg zur Weltnation, nicht nur im Sport, auch in Politik, Wirtschaft, Handel und Industrie. Und Großbritannien kämpfte um diesen Anschluss", sagt Krüger.

"Dabei sein, ist alles"

So läuft Wyndham Halswelle am 25. Juli 1908 ein einsames Rennen – und gewinnt für Großbritannien. Pierre de Coubertin, Gründervater der Olympischen Bewegung der Neuzeit, nimmt das kuriose Finale zum Anlass, am Ende der Londoner Spiele einen berühmten Satz zu sagen: "L'important dans la vie ce n'est pas d'avoir vaincu, mais de s'être bien battu - wichtig im Leben ist nicht der Sieg, sondern sich tapfer geschlagen zu haben." Später wird daraus: "Dabei sein, ist alles." Coubertin meinte mit seiner Aussage jedoch nicht Halswelle, sondern die Amerikaner, die sich dem Wettkampf verweigerten.

Stand: 25.07.2013

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