24. November 1997 - Pleite des Wertpapierhauses Yamaichi

Shohei Nozawa (M.), Präsident von Yamaichi Securities, und Chairman Shoji Saotome (l.)

Stichtag

24. November 1997 - Pleite des Wertpapierhauses Yamaichi

Ende der 1990er Jahre steckt das japanische Finanzsystem in einer Krise. Es kommt zu unzähligen Firmenpleiten. Als bedeutendster Zusammenbruch der Nachkriegsgeschichte Japans gilt der Konkurs von Yamaichi, dem 100 Jahre alten Wertpapierhaus des Landes. "Ich bin derjenige, der Schuld hat - nicht die Beschäftigten", schluchzt Yamaichi-Präsident Shohei Nozawa am 24. November 1997 während einer spektakulären Pressekonferenz in die Mikrofone. Dem japanischen Ehrenkodex entsprechend übernimmt er die ganze Verantwortung. Rund 10.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. "Ich bitte Sie, helfen Sie den Mitarbeitern", fleht Shohei Nozawa.

Verluste durch Scheingeschäfte kaschiert

Zwei Milliarden Euro "versteckte" Verluste werden plötzlich bekannt. Japans Zeitungen berichten, das Finanzministerium habe massive Bilanzfälschungen festgestellt, mit denen jahrelang die finanzielle Schieflage von Yamaichi vertuscht worden sei. Angeblich soll das zahlungsunfähige Brokerhaus mit Scheinfirmen auf den karibischen Cayman-Inseln die Höhe der Verluste kaschiert haben. Bei solchen sogenannten Tobashi-Deals werden Verlust bringende Aktienpakete zu überhöhten Preisen verschoben. Nach der Bilanzlegung wird das Geschäft gegen eine Entschädigung rückgängig gemacht. Dadurch können Verluste vorübergehend aus den Büchern entfernt werden.

Nach dem Bekanntwerden des Skandals versucht Japans Finanzminister Hiroshi Mitsuzuka umgehend die internationalen Finanzmärkte zu beruhigen. Seine Befürchtung: Die Anleger an den Weltbörsen könnten die Pleite des viertgrößten Wertpapierhauses des Landes als Beginn eines gesamtwirtschaftlichen Kollapses auffassen und japanische Aktien in großem Umfang verkaufen. Deshalb garantiert der Minister: Alle Yamaichi-Kunden erhalten ihre Einlagen zurück. Deren Wert beträgt umgerechnet über 170 Milliarden Euro.

"Auf dem falschen Fuß erwischt"

Auslöser der japanischen Finanzkrise sei "die große Finanzblase" in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre gewesen, sagt Werner Pascha, Professor für Ostasienwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Zunächst seien die Immobilienpreise nach oben geschossen. "Und als das sich umdrehte, da wurden viele Banken und Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt."

Früher hätten Staat und Banken ein Haus wie Yamaichi gerettet - möglichst bevor die Pleite öffentlich geworden wäre. Doch in diesem Fall sind die Rahmenbedingungen schlecht. Denn zeitgleich platzen in den aufstrebenden "Tigerstaaten" Indonesien, Thailand und Südkorea die dortigen Spekulationsblasen. Dadurch verstärken sich die Japan- und die Asienkrise gegenseitig. Die Folge: 1998 schrumpft die japanische Wirtschaft um fast drei Prozent. Es kommt zur ersten Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Stand: 24.11.2012

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