15. Oktober 1842 - Karl Marx wird Chefredakteur der "Rheinischen Zeitung"

Gemälde: Karl Marx liest eine frischgedruckte Ausgabe der Rheinischen Zeitung

Stichtag

15. Oktober 1842 - Karl Marx wird Chefredakteur der "Rheinischen Zeitung"

Im 19. Jahrhundert schwelt über Jahrzehnte der sogenannte Kölner Kirchenstreit zwischen dem protestantisch dominierten Preußen und seinen katholischen Provinzen, zu denen auch das Rheinland gehört. Als am 14. August 1842 in Köln das Dombaufest gefeiert wird, nutzt Friedrich Wilhelm IV. den Anlass, um die Aussöhnung zwischen Staat und Kirche zu demonstrieren und als protestantischer Monarch das katholische Rheinland zu "umarmen": Der König legt den Grundstein für den Weiterbau des Kölner Doms, der nun nach 600 Jahren vollendet werden soll. Auch die Pressezensur hat Friedrich Wilhelm IV. gelockert. In Köln hat die preußische Regierung bereits am 1. Januar 1842 die Herausgabe der "Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe" mit einer provisorischen Lizenz genehmigt.

Deshalb ist ein Ehrengast des Dombaufestes nicht in Feierlaune: der österreichische Staatskanzler Clemens Wenzeslaus Lothar Fürst von Metternich. Er hatte die Zensur im Deutschen Bund 20 Jahre zuvor durchgedrückt hat, um liberale und revolutionäre Ideen zu ersticken. Kurz nach dem Fest kritisiert er den König: "Die Presse ist ein lebendiges Werkzeug des Bösen! Ist der Geist einmal ausgeflogen, kann er nicht wieder eingepackt werden."

"Ein Anwalt der freien Presse"

Die Auflage der neuen Zeitung in Köln steigt täglich, langsam macht sie der katholischen "Kölnischen Zeitung" Konkurrenz, die mit ihren rund 8.000 Abonnenten zu den führenden Zeitungen in Deutschland zählt. Einer der Autoren der "Rheinischen Zeitung" ist der Jurist und Philosoph Karl Marx, dessen erster Artikel am 5. Mai 1842 erscheint. Er behandelt die Debatten über die Pressefreiheit im rheinischen Landtag.

Schon am 15. Oktober 1842 wird der 24-jährige Marx als Chefredakteur eingestellt. "Er taktierte vorsichtig und wollte auf keinen Fall durch sinnlose Radikalität die Zensur herausfordern", schreibt der Journalist Rolf Hosfeld in seiner Marx-Biographie. Seinen Mitarbeitern verbietet Marx deshalb sozialistische Erörterungen. "Die wahre Theorie", so Marx, "muss innerhalb konkreter Zustände und an bestehenden Verhältnissen klargemacht und entwickelt werden." Zu diesem Zeitpunkt hat er noch nicht das Kommunistische Manifest geschrieben, sagt Jürgen Herres, Historiker an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. "Er ist ein junger Liberaler, ein Anwalt der freien Presse."

"Man verfälscht sich hier selbst"

Unter Marx steigt die Auflage der "Rheinischen Zeitung" von etwa 1.000 auf rund 3.300 Exemplare an. "Er ist in der Lage, geistreiche Kritik zu leisten, die für jeden fühlbar radikal ist, ohne dass sie direkt von der Regierung verboten werden kann", sagt Historiker Herres. Doch bald hat die preußische Regierung vom "fortgesetzten Unfug" in Köln genug. Im Januar 1843 wird das Verbot der "Rheinischen Zeitung" beschlossen. Sie habe die Staatsverwaltung böswillig verleumdet, insbesondere die Zensur und die Pressepolizei in Preußen verspottet sowie befreundete Mächte verspottet. Um die Aktionäre und Abonnenten nicht ungebührlich zu schädigen, soll das Blatt nach bis zum 31. März erscheinen dürfen.

Eine Petition von rund 900 Kölnern an den König, die Zeitung weitermachen zu lassen, ist vergeblich. Deshalb tritt Karl Marx am 18. März 1843 als Chefredakteur zurück. "In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen", hat er zuvor schon in einem Brief geschrieben. "Man verfälscht sich hier selbst." Er geht ins Ausland und beginnt mit der Arbeit am Kommunistischen Manifest: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Etwas scheint Marx in Köln aber doch bewirkt zu haben: 1845 schwenkt die "Kölnische Zeitung" ins liberale Fahrwasser ein und beruft einen Chefredakteur, der wegen revolutionärer Umtriebe einst in Festungshaft gesessen hat.

Stand: 15.10.2012

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