5. Mai 1927 - Todestag der Ärztin Franziska Tiburtius

Franziska Tiburtius

Stichtag

5. Mai 1927 - Todestag der Ärztin Franziska Tiburtius

Auf dem Türschild im Hinterhof der Alten Schönhauser Straße 23/24 in Berlin nennen sich die beiden Frauen Doktor der Medizin, "Dr. med. in Zürich". Weiterhin steht geschrieben: "Konsultation 10 Pfennige, für Unbemittelte kostenlose Arznei." 1877 eröffnen Franziska Tiburtius und Emilie Lehmus ihre Praxis für Frauen und Kinder, die erste Praxis weiblicher Ärzte in Deutschland. Weil Frauen hier weder studieren noch promovieren dürfen, ist ihnen der Titel Arzt verwehrt; sie müssen hinzufügen, dass sie nur einen ausländischen Doktortitel führen. Tiburtius und Lehmus gelten also unter ihren männlichen Kollegen als Kurpfuscher, bestenfalls als Heilpraktiker. Einige Damen der höheren Gesellschaft schicken ihre Dienstmägde vor, um die Behandlung zu prüfen.

Der Erfolg der Praxis, mehrere Tausend Patientinnen im Jahr, erstaunt dennoch nicht. Franziska Tiburtius beschreibt in ihren "Erinnerungen einer Achtzigjährigen", wie es einer Frau beim Arzt damals ergehen konnte: "Ich habe ganz einfache und ältere Frauen zittern, beben und krampfhaft schluchzen sehen. Wenn sie auf den Untersuchungsstuhl angeschnallt, ihren nackten, kranken Leib von etwa 100 jungen Burschen, einer nach dem Anderen, an ihr vorbeidefilierend, mussten betrachten lassen." Und die Medizinhistorikerin Professor Eva Brinkschulte von der Universität Magdeburg sagt: "Es gab Anzeichen dafür, dass Frauen minder versorgt waren. Denn häufig gingen sie aus Schamgefühl viel zu spät zum Arzt."

Medizin gilt nicht als adäquate Frauenbeschäftigung

Franziska Tiburtius wird 1843 als Tochter eines Gutsbesitzers aus Pommern geboren und wächst auf der Insel Rügen auf. Die Idee zum Medizinstudium kommt ihr nicht selbst. Sie schreibt in ihren Memoiren: "Mein Bruder, mit dem mich seit jungen Tagen eine herzliche Freundschaft verband, war Arzt. ... Er glaubte, in mir eine gewisse Befähigung für den ärztlichen Beruf zu entdecken ... Ich konnte mich nicht entschließen; wer die damaligen Verhältnisse kennt, wird es begreifen. Ein junges Mädchen auf einer Universität und Medizin studierend – undenkbar!"

Die Medizinhistorikerin Eva Brinkschulte erklärt, wie man im 19. Jahrhundert über Frauen dachte: "Man traute es den Frauen intellektuell nicht zu. Man glaubte, dass allein die Bürde des Medizinstudiums schon viel zu schwer wäre. Und auch der berufliche Alltag, der sich daran anschloss, galt nicht als adäquate Frauenbeschäftigung." So gibt der Berliner Pathologe Johannes Orth damals zu bedenken: "Man denke sich nur die junge Dame im Seziersaal mit Messer und Pinzette vor der gänzlich entblößten männlichen Leiche sitzen ... und frage sich, ob man junge weibliche Angehörige der eigenen Familie in solchen Verhältnissen sehen möchte! Ich sage nein und abermals nein!"

"Mein Leben war köstlich, denn es ist Mühe und Arbeit gewesen"

Im Herbst 1871 zieht die schon 28-jährige Franziska Tiburtius nach Zürich, um Medizin zu studieren. Sie hat ein Vorbild, Henriette Hirschfeld, die erste Berliner Zahnärztin und ihre zukünftige Schwägerin. Hirschfeld hatte in den USA Zahnmedizin studiert und sich mit einer Sondergenehmigung in Berlin niedergelassen. Franziska Tiburtius erinnert sich an ihren ersten Tag an der Universität. "Bei unserem ersten Erscheinen im Präpariersaal gab es einen unangenehmen Auftritt: ... Als wir eintraten, erhob sich ein wüster Lärm, Schreien, Johlen, Pfeifen; da hieß es ruhig Blut behalten."

Trotz Schikanen der männlichen Lehrkräfte schließt sie das Studium ab und arbeitet als Assistenzärztin in Dresden, allerdings ohne Approbation. Mit ihrer Kollegin Emilie Lehmus, die sie aus Zürich kennt, wagt sie den nächsten Schritt, die eigene Praxis in Berlin. Sie erlebt noch mit, wie der deutsche Bundesrat 1899 beschließt, Frauen zum Studium und zum medizinischen Staatsexamen zuzulassen. Mit 64 Jahren gibt sie ihren Beruf auf und reist durch Amerika, Nordafrika, Europa. Sie stirbt im Alter von 84 Jahren am 5. Mai 1927. Ihre Lebenserinnerungen enden mit einem einfachen Satz: "Mein Leben war köstlich, denn es ist Mühe und Arbeit gewesen."

Stand: 05.05.2012

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